Erinnerungen (die 1970-er). Eine Reise in den Sudan

Gottfried Liedl am 11. Oktober 2022

Schon gelesen? BLOG # 1 vom 14. September 2022: „Warum dieser Blog?“

Im Winter des Jahres 1978 brachen wir zu unserer ersten Reise nach Afrika auf. Es ist das Privileg der Jugend – und war auf jeden Fall damals, in den roaring seventies, auch unseres– die Welt so anzuschauen, als ob sie (a) verbesserungswürdig wäre und (b) auch verbessert werden könne. Damals, in den 70-ern, sah es manchmal tatsächlich so aus, als dürfe man meinen, dass am Ende des Regenbogens ein Haufen Gold läge.

Reisegefährten © Gottfried Liedl

Die Welt der 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts war in der Tat höchst verbesserungswürdig. Bezüglich Politik, Ökonomie, Kultur und Umwelt war jene Epoche keine propere Seniorenresidenz der Moderne sondern die chaotische, unaufgeräumte Kinderstube des sich nähernden postmodernen 21. Jahrhunderts.

Weltpolitik. Richard Nixon war eben zum Präsidenten der USA gewählt worden (1972). Großbritannien, Irland und Dänemark traten der EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft), der Vorläuferorganisation der EU bei (1.1.1973). Und dann zwingt die Watergate-Affäre Nixon zum Rücktritt (1974). Ende des Vietnamkriegs, Beginn des Libanesischen Bürgerkriegs (1975). ‚Heißer Herbst‘ in Deutschland – Anschläge der RAF, der ‚Roten Armee Fraktion‘ (1977). Israelisch-ägyptischer Friedensvertrag, Islamische Revolution im Iran (1978). Mit dem NATO-Doppelbeschluss erreicht der Kalte Krieg zwischen dem ‚Westen‘ und der Sowjetunion (‚Ostblock‘) seinen Höhepunkt. Richard Nixon vs. Breschniew vs. Mao Zedong; Augusto Pinochet vs. Salvador Allende; Jassir Arafat vs. Golda Meir; Bruno Kreisky; Willy Brandt; Erich Honecker; Olof Palme; Helmut Schmidt vs. Ulrike Meinhof; Indira Gandhi; Saddam Hussein; Khomeini; Gaddafi. Und die anderen längst Verblichenen und Toten.

Ökonomie. Erster Ölpreisschock, Ölkrise (Herbst 1973). Nairobi-Rede McNamaras, des Präsidenten der Weltbank („Wachstum plus soziale Gerechtigkeit“, 1973). Nobelpreis an Friedrich August von Hayek (Neoliberalismus, 1974). Erster G 7-Gipfel (1976). Liberalisierung der Geldpolitik; Deregulierung von Produktion und Handel; Kapitalflucht aus den Ländern der sogenannten ‚Dritten Welt‘ (ab 1978, Höhepunkt 1988). Beginn der Schuldenkrise, massive Privatisierungen des öffentlichen Sektors (Infrastruktur wie Wasserversorgung und Gesundheitsfürsorge; Versicherungs- und Rentenwesen; die Lebensmittelproduktion); Privatisierung öffentlichen Grund und Bodens. Konzentrationsprozesse zugunsten internationaler Konzerne (ab den späten 1970-ern). Die zweite Ölkrise (1979/80). 

Kultur und Zeitgeist. Die 1970-er Jahre sahen die Hochphase der westeuropäischen Sozialdemokratie; das Ende der Hippie-Bewegung; den Aufstieg neuer sozialer Strömungen wie Studenten-, Friedens-, Anti-Atomkraftbewegung; das Ende der Chinesischen Kulturrevolution (Tod Mao Zedongs 1976). Apple und Microsoft werden gegründet. Der polnische Kardinal Karol Wojtyla wird als Johannes Paul II. Papst (1978). Punk und der Schulmädchen-Report. Feminismus und die Zeitschift ‚Emma‘. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Rasterfahndung und Peep Shows. Plateauschuhe, Glockenhosen, Hot Pants. Apocalypse Now; Taxi Driver; Clockwork Orange; Star Wars. Der Weiße Hai. Rocky Horror Picture Show. ABBA, Queen, Led Zeppelin, Pink Floyd. The Rolling Stones. Elton John. Fleetwood Mac, Blondie, David Bowie, Bee Gees. Deep Purple und Kiss.     

Ökologie. 1970 war als das Europäische Naturschutzjahr ausgerufen worden. 1970 war auch das Jahr, in dem der Begriff ‚Umweltschutz‘ erstmals größere mediale Verbreitung fand. Und das Gründungsjahr der Umweltorganisation Greenpeace (Vancouver, Canada). Dem Umweltschutz entsprach die häufige Verwendung des Wortes ‚Umweltverschmutzung‘. Auch Recycling kam als Begriff damals auf. Und Hausmüll wurde zu 100 % deponiert. ‚Mülltrennung‘ war zwar noch ein Fremdwort, aber immerhin sprach und las man darüber. Am Beginn des Jahrzehnts stand das Europäische Naturschutzjahr, an seinem Ende die Gründung der Partei der Grünen in Deutschland.

Man spricht von der „Zäsur der 70-er Jahre“ (Christian Stielow). Mit dem Sauren Regen kam der Mentalitätswandel – das Ende des Glaubens an den Fortschritt, der Beginn der Bürgerinitiativen. Der Naturforscher Konrad Lorenz wurde Nobelpreisträger (1973) und in Österreich zum Helden der Umweltbewegung (‚Konrad-Lorenz-Volksbegehren‘ zur Rettung der Donauauen). 1970 lebten die letzten 11 Exemplare der Spezies Oryx leucoryx – der Arabischen Oryxantilope – in den USA: als sogenannte ‚Weltherde‘ wurden die neun Tiere des Phoenix Zoo und die drei des Los Angeles Zoo zu Vorfahren sämtlicher heute lebender Vertreter ihrer Art (derzeit rund 8000 Stück, davon 1000 in freier Wildbahn).

1972 gab der Club of Rome seinen auf Computersimulationen beruhenden Bericht zum Zustand der Erde heraus: „The Limits to Growth“ (Die Grenzen des Wachstums), gefolgt von der ersten Umweltkonferenz der Vereinten Nationen in Stockholm (Juni 1972). Ein Paradigmenwechsel im traditionellen Naturschutz – „Global denken – lokal handeln“ – ersetzt den romantischen Heimatbegriff mit seinen tief im 19. Jahrhundert verwurzelten nationalistischen Prämissen.

Dennoch bleiben Natur- und Umweltschutz ideologische Phänomene, freilich solche mit handfesten pragmatischen Voraussetzungen, die sich wissenschaftlich begründen und beschreiben lassen: Saurer Regen und Waldsterben werden technologisch und politisch ‚beantwortet‘; technologisch durch neue Verfahren zur Vermeidung der Schwefeldioxyd-Emission, politisch durch entsprechende Vorgaben. Die Saat der 70-er Jahre geht in den folgenden zwei Jahrzehnten auf: Zwischen 1980 und 2000 verringert sich der Schadstoff-Ausstoß um 75% – 85%. Wenn Joachim Radkau „die Ära der Ökologie“ um 1970 beginnen lässt, dann meint er genau diese politisch-technologische Verschränkung.*

Die 1970-er Jahre öffnen dem Publikum die Augen für bestimmte globale Zusammenhänge, wie sie zwischen ‚Fortschritt‘, ‚Entwicklung‘, ‚Konsum‘, sprich zwischen Ausbeutung und Zerstörung herrschen – und zwar am Beispiel des Waldes. Um 1970 beginnt in der Historiographie ein neuer Abschnitt – die Chronik der Regenwaldzerstörung schreibt sich in Tateinheit mit Politischer Geschichte, Wirtschafts- und Naturgeschichte:

  • Brasilien: Straßenbau und Siedlungsprogramm zur ‚wirtschaftlichen Entwicklung‘ Amazoniens – Bau der Transamazonica, steuerliche Anreize für Großunternehmen und global agierende Investoren, Zuflüsse internationalen Kapitals. Die Abholzungsrate 1970 – 2000 beträgt rund 30%.**
  • Indonesien: Hohes Wirtschaftswachstum zwischen 1968 und 1981 auf Basis der ‚Entwicklung‘ von Primärwaldgebieten (Holzeinschlag, Plantagenwirtschaft, aggressive Siedlungspolitik). Die Abholzungsrate 1970 – 2000 beträgt rund 60%.**
  • Afrikanische Primärwaldgebiete: Abholzungsrate 1970 – 2000 zwischen 100% (westafrikanischer Regenwald) und 40% (Zentralafrika).**
  • Internationale Treiber dieser Entwicklung sind die Agrar- und Lebensmittelindustrie (Soja, Palmöl, Großviehzucht), die Energiewirtschaft (Agrartreibstoffe, Kraftwerksbau) und natürlich die Holzindustrie.

Als wir damals, 1978, in Kairo mit Polizisten Haschisch rauchten und im Sudan mit Wildhütern aus gemeinsamer Schüssel Reis aßen, regierte in Ägypten Anwar as-Sadat (1981 von Islamisten erschossen) und im Sudan Dschafar an-Numeiri (1985 von Militärs abgesetzt). Spaß beiseite. Ein Hauptmotiv unseres Projekts „Auf den Spuren von Alfred Brehm“ war die Untersuchung der ökologischen Langzeitfolgen wirtschaftlicher Erschließung seit der Eroberung des Landes durch Ägypten unter Mehmed Ali (regierte 1805–1848) bzw. seit der britischen Kolonialherrschaft (Anglo-Ägyptischer Sudan).

Ob ‚Gezira Scheme‘, ‚Managil Extension‘, ‚Central Electricity and Water Administration‘ oder ‚Rahad Project‘ – die großen Landerschließungs- und Bewässerungsaktivtäten der 70-er Jahre (der Klimawandel war damals kein Thema) führten nicht nur zur Ausbreitung der Sahara sonden konnten nicht einmal im Steppen- und Savannengürtel, etwa in der Gezira zwischen Weißem und Blauem Nil, verhindern, dass, wie es in einem Reiseführer von 1973 heißt, „ein großer Teil … Staubwüste ist“ (Klett Handbuch, Seite 214).*

Zwischen den Städten Khartum und Sennar rückte diese ‚Staubwüste‘ in rund 130 Jahren um gut 200 km vor. Wo Alfred Brehm an den Ufern des Nil die Landschaft „mit Mimosenwaldungen bedeckt [sah], welche schon hier zuweilen den Charakter der tropischen Urwälder Nordostafrikas einnahmen“ (Reise im Sudan, Seite 189)*, musste 1978 der auf seinen Spuren Wandelnde im Tagebuch den traurigen Satz notieren: „Links und rechts von uns nichts als kahle, staubtrockene Ebene. Sand, Sand und nochmals Sand.“

(Wird fortgesetzt)

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* Literatur: Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte. München 2011; Klett Handbuch für Reise und Wirtschaft: Afrika II. Nord- und Ostafrika. Ernst Klett Verlag: Stuttgart 1973 (2. Auflage); Alfred Edmund Brehm: Reisen im Sudan 1847 bis 1852. Herausgegeben, bearbeitet und eingeleitet von Helmut Arndt. Tübingen – Basel 1975

** Links: Regenwald; https://www.faszination-regenwald.de