Symbolpolitik ist sicher der beliebteste Sport unserer Zeit. Konferenztourismus (das wissen wir in Wien sehr gut) ist eine Cash Cow, die – wir bleiben beim gewählten Bild – dem Sport nur wenig nachsteht. Und Umweltfragen sind für Konferenztourismus perfekt geeignet.

Zur Zeit geht in Montréal, Kanada, die Konferenz zum Schutz der Biodiversität über die Bühne. Übrigens die fünfzehnte ihrer Art. Und weil es ja um herzeigbare Ergebnisse geht – schön gesetzte Zeichen und Symbole im Abschluss-Communiqué –, hat man als nette Deadline das halbwegs ferne, aber nicht allzu ferne Jahr 2050 ausgewählt. Bis dahin soll die Welt „im Einklang mit der Natur leben“ (wer denkt sich solchen Schwachsinn eigentlich aus? Man mag nicht glauben, dass es die Politiker selbst sind; eher möchte man davon ausgehen, dass hier das beliebte Subfirmen-Prinzip bedient und eine lokale Fremdenverkehrs-Agentur mit der Ausformulierung betraut wurde).

Die Welt, wie sie ist. Als „Zwillingskrise“ der Klimaerwärmung wird das Artensterben gern bezeichnet. Oder als das sechste Massensterben der Erdgeschichte. Oder als unvermeidliche Auswirkung des Anthropozäns (Anthropozoikums), des „Erdzeitalters des Menschen“. Während der letzen 50 Jahre sind drei Viertel der Landfläche des Planeten derart stark verändert worden, dass bis zu einer Million Tier- und Pflanzenarten akut vom Aussterben bedroht sind. So steht es jedenfalls in dem Bericht, den 150 Wissenschaftler aus 50 Ländern, unterstützt von weiteren 310 Experten als Zusammenfassung von rund 15.000 Einzelstudien für das IPBES (die Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) herausgegeben haben.    

Augenscheinlich haben die seit 30 Jahren laufenden Bestrebungen von UN-Institutionen, das Artensterben zu bremsen, wenig genützt.

Aber jetzt wird alles anders. In Montréal begnügt man sich keinesfalls mit der maximalen Deadline 2050. Vielmehr fügt man einen ‚realistischen‘ Zwischenstopp ein: 2030. In diesem Jahr sollen 30 Prozent der Land- und Wasserflächen des Planeten unter Schutz gestellt sein. 30 Prozent klingt gut. Und passt auch irgendwie in die Zahlenspielerei (30 Prozent – 2030). Nach so vielen Fehlschlägen sagt man sich wahrscheinlich: „Warum nicht mal ein wenig Zahlenmagie, damit endlich was weitergeht?“

Im Ernst. 30 Prozent klingt doch gut. In Österreich – dem Weltmeister im Bodenversiegeln – sind derzeit etwa 15 Prozent des Landes Schutzgebiete (zum Beispiel Natura 2000). Ich persönlich halte es daher für konsequent, dass die Alpenrepublik dann lieber gleich auf Event- und Tagungstourismus setzt. Wir waren schon immer dem Zeitgeist eine Nasenspitze voraus. Der EU-Schnitt an geschützten Gebieten beträgt übrigens 19 Prozent.

Alles Roger in Cambodscha? Der Zeitungsbericht nimmt das Ergebnis von Montréal messerscharf vorweg: „Die Vorzeichen … sind durchwachsen: Schon im Vorfeld wurde von gewissen Spannungen, vor allem politisch-diplomatischer Natur, … berichtet“ (KURIER vom 5. Dezember 2022, Seite 6). Gern hätte man die Hoffnung nicht ganz aufgegeben. Gern glaubte man an die schönen Versprechen, die mit Sicherheit wieder abgegeben werden. Versprechen? Wirklich? Dass die Konferenz unter dem Vorsitz Chinas stattfindet, klingt eher wie eine Drohung.

„Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute“ (Brüder Grimm). Keine Frage. Ein solches international herzeigbares And they all lived happily ever after haben wir von Montréal mit Sicherheit zu erwarten. Als Grundstein für die nächste konferenztouristische success story. Blöd nur, dass wenn das Märchenbuch zugeklappt ist und sich die Staubwolke, die dabei aus den vergilbten Seiten aufsteigt, verzogen hat, die Welt haargenau die selbe sein wird.

P.S. Im Geschäftsjahr 2020-21 betrug der Umsatz der hundert größten Rüstungskonzerne 560 Milliarden Euro. Ebenfalls sehen lassen kann sich der Schaden, den die großen Umwelträuber, Wilderer, Tier- und Pflanzenschmuggler anrichten. Er beträgt nach soliden Schätzungen jährlich bis zu 20 Milliarden Euro; der ‚Geschäftszweig‘, dem sich dieser Schaden verdankt, ist nach Drogenhandel, Produktpiraterie und Menschenhandel der viertgrößte seiner Art.  

Hier, im zweiten Teil meiner Überlegungen zu den Lehren, die wir aus Sharm el-Sheikh ziehen müssen, werde ich mich mit der ambivalenten Bedeutung sogenannt ‚westlicher‘ Errungenschaften befassen; also mit Fortschritt, Aufklärung und Wissenschaft. Und warum hier auf Staaten und die internationale Staatengemeinschaft so gar kein Verlass ist. Und man daher auf die vielzitierte, aber auch viel geschmähte Zivilgesellschaft setzen muss.

Zivilgesellschaft und ‚westliche‘ Errungenschaften. Alle gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Kreisläufe beginnen und enden mit der Landwirtschaft, das wussten bereits die Physiokraten des 18. Jahrhunderts,** die ‚la terre‘ oder ‚terroir‘, dem Mutterboden, eine Schlüsselrolle im Gemeinwesen attestierten und ‚laboureur‘, den Landarbeiter, nein: den (im besten Sinn des Wortes) Agrarier an die symbolische Spitze besagten Gemeinwesens setzten.

Freilich war und ist Landwirtschaft nach Art des Hauses – im Sinne der Aufklärung – ambivalent: Vom Wert des Bodens theoretisch reden ist das Eine;  ihn zugleich praktisch im Rausch des Fortschritts zu misshandeln, das Andere. Investitions-gesteuerte Landwirtschaft – big business, Agroindustrie – trifft auf Philosophie; praktische Antworten auf die Bedrohung des Bodens geben widerständige ‚laboureurs‘ vulgo Kleinlandwirte weltweit, aber mit Wirksamkeit auf lokaler Ebene, unter teils renaissancistischen, teils visionären Vorzeichen. Ihr Arsenal reicht von Bodengenossenschaft („Ackerland in Bürgerhand“) bis Permakultur. Um bloß zwei Beispiele zu nennen.**

Auch Naturschutz war und ist im ‚Westen‘ stets ambivalent. Den Anfang machte die sogenannte ‚Agrarrevolution des Mittelalters‘ mit ihrer großflächigen Verwüstung und Zerstörung der europäischen Wälder, auf die der jeweilige Landesherr mit einer nicht weniger rigiden Forstpolitik antwortete, nach der Devise: In meinem Wald und unter meinen Hirschen hat der Untertan nichts verloren. Diese Linie lässt sich verlängern bis zu den ‚Bisongesellschaften‘ der USA am Ende des 19. Jahrhunderts und zur ‚Weltherde‘ der Oryx-Antilopen (ein Zuchtprogramm zur Arterhaltung)** in den 60-er und 70-er Jahren des 20. Jahrhunderts, nur jetzt mit genau umgekehrten Vorzeichen. Wäre Oryx leucoryx (die Weiße oder Arabische Oryx) auf die internationale Staatengemeinschaft und deren Verträge angewiesen gewesen, diese Weltherde wäre nie zustande gekommen und Oryx leucoryx könnte man heute allenfalls als verstaubte Stopfpräparate in Naturkundemuseen bestaunen. Ebenfalls ein Resultat zivilgesellschaftlicher Selbstermächtigung sind die famosen Buffalo Commons (‚Büffel-Allmenden‘)** im Westen der USA (vgl. Liedl: Das Zeitalter des Menschen, Seite 310 ff.).*

Ambivalent aber genauso wichtig: ‚Exotics‘ auf Texanischen Jagdfarmen. Heute grasen in Texas mehr Oryx-, Säbel- und Mendesantilopen, Damagazellen und Hirschziegenantilopen (‚Blackbuck‘) als in deren ursprünglichen Verbreitungsgebieten.

Afrika in Texas: Säbelantilopen © Lucky 7 Exotics (Homepage)**

Andererseits … Das Beispiel der Buschfeuer und wie man sie permanent nicht verhindert, stellt der Zivilgesellschaft und sogar, wie man gleich sehen wird, den Naturschützern kein gutes Zeugnis aus (den Naturschutzbehörden ohnehin nicht). Waldbrände in Spaniens Süden, meiner zweiten Heimat, wüteten 2022 beinahe ungehindert. Wochenlang wurde man ihrer nicht Herr, nicht zuletzt aufgrund einer verfehlten Umweltschutzpolitik: Man hatte die traditionelle Weidenutzung – eine klassische Allmende – weitgehend untersagt, was zu unkontrollierter Verbuschung des Waldbodens führte, der dann wie Zunder brannte und den vorgeblich so perfekt geschützten Wald ins Verderben riss. Ökofundamentalismus vom Feinsten? Könnte man sagen, wenn man Zyniker wäre und zu Dystopien neigte. Aber ein Fressen für rechtsgerichtete Medien war es allemal.**

Community of Investigators, Gelehrtenrepublik. Keine Frage. Klar sehen wir die Ambivalenz von Aufklärung und Wissenschaftlichkeit: Agro-Business, Ausbeutung der Ressourcen, Verschwendung und Klimakriminalität, falsche Heilsversprechungen à la „We feed the world“ auf der einen Seite; auf der anderen Seite führen Urbanität, Globalisierung des Wissens – mit der Chance, dass sich nicht nur das Big Business vernetzt sondern auch der Naturschutz –, Community of Investigators, Renaissance der Kant’schen Gelehrtenrepublik („Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“) zum Begriff der Verantwortung. Anders gesagt, zu Mut und Resilienz. Den Krieg um die Ressourcen hat man der Zivilgesellschaft aufgezwungen. Im Kampf um das Wohl von Mensch und Natur herrscht keine Wahlfreiheit.

Der Krieg hat längst begonnen. „Der Naturschützer und Freund der Allmende wird … erkennen, dass es ihm nicht frei steht, Krieg zu führen oder nicht, weil dieser Krieg (gegen ihn und Seinesgleichen und alles, was ihm lieb und wert ist) von Naturverwüstern und Menschenverächtern längst geführt wird“ (Das Zeitalter des Menschen, Seite 235).

Der Brasilianer Chico Mendes kämpfte für die Allmende, als die er den Regenwald erkannte. Sein Programm: Naturschutz durch Menschen, die aus diesem Schutz einen Nutzen ziehen. Die Autochthonen des Regenwaldes könnten, so Chico Mendes‘ Schlussfolgerung, mit ihren traditionellen wie zukunftsträchtigen Methoden selbst am besten dafür sorgen, dass der Schauplatz ihrer Wirtschafts- und Lebensweise, der Wald, dem ideellen Gesamteigentümer, der Menschheit, erhalten bliebe. Dafür wurde er vom Großgrundbesitzer Darcy Alves de Silva am 22. Dezember 1988 erschossen.**

P.S. „Vom Wutbürger zum Mutbürger.“ Chico Mendes kämpfte gegen zynische Vernichter und Zerstörer. Wie die Indigenen Amazoniens. Wie alle, die Wälder aufforsten, statt sie zu fällen. Natur ist der öffentlichste Raum, der sich denken lässt. Den versuchen tapfere Iranische Frauen, Mädchen, Jugendliche und Kinder zurück zu erobern. Den Mädchen und Frauen Afganistans, die ihn bereits besaßen, wurde er wieder genommen. Ihnen hat die Obrigkeit sogar den Besuch von Parks untersagt.

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* Literatur: Gottfried Liedl: Das Zeitalter des Menschen. Eine Ökologiegeschichte. Turia + Kant: Wien – Berlin 2022

* Ausstellung: Die sechste Auslöschung. Kritische Tierbilder von Walter Wegger

Download 1

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** Links: Physiokraten; Bodengenossenschaft; Humusakademie; Permakultur; Weltherde; Buffalo Commons; Lucky 7 Exotics; Brände im Süden 1; Brände im Süden 2; Brände im Süden 3; Brände im Süden 4; Chico Mendes

Das Nicht-Ergebnis der Climate Change Confernce (November 2022) in Sharm el-Sheikh (Sharm ash-Shaikh), die 27. derartige Veranstaltung in Serie, konnte niemanden überraschen. Der menschgemachte Klimawandel wird in seiner denkmöglich krassesten Form kommen, dafür sorgt verlässlich die Politik mit ihren an kurzfristigem Machterhalt orientierten Scheinlösungen. Wobei – nicht einmal das mit den Scheinlösungen stimmt noch; ein sich von Mal zu Mal immer ungenierter äußernder Zynismus (Marke Trump, Marke Bolsonaro, Marke Xi Jinping … und dergleichen Markeninhaber werden immer mehr) sagt der – vielleicht ebenfalls nur vordergründig besorgten – Weltöffentlichkeit das Götzzitat.

Warum es so ist, wie es ist. Eigentlich sollte das den denkenden Beobachter, die gebildete Beobachterin nicht überraschen. Zumindest dann nicht, wenn sie mit historischer Expertise ausgestattet sind. Seit sich Homo sapiens aus einem Naturwesen (‚Natur in mir‘) zu einem Kulturwesen (‚Natur um mich herum‘) entwickelt hat und genau so rasch, wie er diesen Prozess bis hin zu dessen globaler Allgemeingültigkeit durchlief, verstärkt sich innerhalb der Spezies auch ein evolutionärer Prozess: Individuen mit Hang zu effizienter und immer effizienterer Aneignung aller möglichen Ressourcen genießen in den aufgeblähten Stammesgesellschaften namens Zivilisation oder Kultur, Nation oder Volk, manchmal euphemistisch sogar Menschheit genannt, gegenüber anderen, nachdenklicheren oder rücksichtsvolleren Varianten einen mächtigen Selektionsvorteil.

Wenn man diese Erkenntnis auf den Gang der Weltgeschichte umlegt, sieht man jene Regionen im Vormarsch – allen voran die zuerst Europa, später ‚der Westen‘ genannte –, die sich einer expansiven (‚schneller, höher, weiter‘) und exhaustiven (erschöpfenden) Aneignung von Naturgegenständen (nach dem Modell des Bergbaus, der Extraktion sogenannter Bodenschätze) verschrieben hatten. Nennt man diesen Prozess bei seinem eigentlichen Namen, heißt er auf gut Deutsch AUSBEUTUNG.

Die Lebensmittel – Mittel zum Leben – werden produziert, also wörtlich: ‚hervorgezogen‘, wie Edelmetalle, die man aus dem Erdreich buddelt. Lässt sich nichts mehr ‚hervorziehen‘, zieht der Heuschreckenschwarm weiter. Krisen kompromittieren die Anführer der Horde weniger als man annehmen möchte; vielmehr scheinen sie deren Macht und Autorität zu stärken. Für die Mächtigen waren Krisenzeiten meist gute Zeiten, Ausnahmen (Französische Revolution ff.) bestätigen die Regel.

Einwand: „Andere, vom ‚Westen‘ überwundene, das heißt vernichtete Gesellschaften redeten, wenn‘s um den Lebensunterhalt ging, nicht vom Produzieren sondern vom Empfangen gewisser Gaben der Natur.“ Antwort des Historikers: „Tempi passati.“ Der menschgemachte Klimawandel ist also da und wird auch nicht verschwinden, Punkt.

Mensch, Tier, Pflanze, Boden, Wasser, Luft werden damit zurecht kommen müssen.

Wir, die Menschheit (zugegeben, das klingt pathetisch; wer einen besseren Begriff hat, möge ihn mir sagen, bis dahin bleibe ich bei ‚Menschheit‘), sind die vielen rechtmäßigen ‚Eigentümer‘ (in Anführungszeichen, da wir bloß Nutzungsberechtigte sind) jener WELT-ALLMENDEN, in denen sich Mensch, Pflanze, Boden, Wasser, Luft dem Zugriff einer gierigen in-Wert-Setzungs-Gang ausgeliefert sehen. Die Verantwortung für diese ‚unsere‘ Allmenden sollte daher bei uns liegen.

Frage: Wenn alles kommt, wie es kommen muss – können wir (bei immer widrigeren politschen Bedingungen) für Resilienz, für Widerstandsfähigkeit gegenüber Allmende-Räubern und (bei erschwerten Umweltbedingungen) für Klimafitness dieser Welt-Allmenden sorgen?     

Kein gutes Jahr für Welt-Allmenden. 2022 war für Menschen, Tiere, Pflanzen, Boden, Wasser, Luft … schlicht katastrophal. Nachdem Corona schon dazu geführt hatte, dass im Windschatten dieser Pandemie Allmende-Aneignungs-und Ausbeutungs-Experten, Großagrarier und die mit ihnen verbündeten Politiker eine ungenierte Wald-, Wasser- und Boden-‚Nutzung‘ (Brasilian Style) betreiben konnten, führten Ukraine-Krieg und Inflation zu weiterer Abkehr von jeder auch nur halbwegs ambitionierten Klimapolitik. Energieträger wie Kohle, Erdöl, Gas, Atomkraft haben derzeit wieder Konjunktur – ihr ‚pfui‘-Image konnten sie jedenfalls ordentlich aufpolieren. Dagegen steht nur die gelinde Hoffnung, die allgemeine Preisexplosion werde dazu führen, dass mit diesen schmutzigen Agenten einer sogenannten Versorgungssicherheit eher sparsam umgegangen werde und man sie sozusagen nur mit spitzen Fingern angreift. Auch dass US-Präsident Joe Biden und seine Demokraten gerade noch rechtzeitig vor den Midterm elections ihr ambitioniertes Energie-, Nachhaltigkeits- und Umweltpaket auf den Weg gebracht haben, steht vielleicht auf der Habenseite (vgl. Bloomberg Green vom 11.11.2022: Biden’s touchdown). Unverbesserliche Öko-Optimisten orakeln angesichts des Preisanstiegs bei ‚schmutziger‘ Energie von einer Beschleunigung in Richtung Energie-Effizienz und sehen in nicht mehr allzuferner Zeit behutsamere, weniger verschwenderische Verhaltensmuster in den am meisten Energie-abhängigen Sektoren Industrie, Verkehr und Wohnen Einzug halten. Wer‘s glauben mag …

Die anderen, die Skeptiker nehmen 2022 anders wahr. Sie erinnern daran, dass dieses Jahr abermals – denn ja, es handelt sich um eine Serie, die offenbar keine Anstalten macht, abzureißen – ein Jahr der Überschwemmungen und Dürren war (Stichwort Pakistan, Süd- und Westeuropa), vor allem aber ein Jahr weltweiter Waldbrände riesigen Ausmaßes.

Waldbrände, Buschfeuer weltweit (Stand 23.7.2022)**

Was tun (für Menschen, Tiere, Pflanzen, Boden, Wasser, Luft)? „Das Thema ‚Allmende‘ ist ein durch und durch politisch-rechtliches. Wir gestatten uns daher ein Gedankenspiel mit der Zielvorstellung einer Rechtsordnung, in der es für global wichtige Ressourcen transnationale Eigentumstitel gibt, an denen alle Nationen nach einem sicherlich nicht ganz einfach zu erstellenden Aufteilungsschlüssel beteiligt sind. Garantieren und überwachen ließen sich diese Eigentumstitel mit einem Vertragswerk, das bei Verstößen automatische Sanktions- und Boykottmaßnahmen vorsähe, bis hin zu international exekutierbarem Schadensersatz. In rein nationaler Verfügungsgewalt stünde nicht mehr, wie das bisher Usus ist, das Eigentum an jenen global bedeutsamen Dingen, sondern lediglich deren Verwaltung: eine nationale Sachwalterschaft über internationale Allmenden unter internationaler Aufsicht.“ (Das Zeitalter des Menschen, Seite 318)*

Soweit die Utopie. Die Wirklichkeit, wie sie sich derzeit geriert – siehe oben (Sharm el-Sheikh) – stellt erstens für derlei Erweiterungen des Völkerrechts keine Anwälte zur Verfügung und bietet zweitens Null Chancen auf politische Durchsetzbarkeit; die Welt-Allmende bliebe also, selbst wenn ihre Implementierung gelänge, totes Recht.

Folglich muss, weil auf der obersten Ebene geschlampt wird, die unterste Ebene die Initiative ergreifen. Nicht wie im oben zitierten Buch als philosophierender Analytiker von der Großen Politik sondern als schon ein wenig desillusionierter Skeptiker, der es billiger gibt, spreche ich hier von der Zivilgesellschaft – von Regionen, Gemeinden, Nachbarschaften abwärts; ich spreche von tätig werdenden Berufs- und Interessensverbänden, von Bürgerinitiativen, kurz von jenen lokalen und kollegialen Zusammenschlüssen, die man sich nicht erst vorstellen muss, weil sie nämlich nachweislich real existieren. „Think globally, act locally“, eine nach allgemeiner Auffassung ziemlich gescheite Strategie.

Im zweiten Teil meiner Überlegungen zu den Lehren, die wir aus Sharm el-Sheikh ziehen müssen, werde ich mich unter anderem mit ‚westlichen‘ Errungenschaften und der Community of Investigators befassen … und was es bedeutet zu sagen: „Der Krieg hat längst begonnen“.

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* Literatur: Gottfried Liedl: Das Zeitalter des Menschen. Eine Ökologiegeschichte. Turia + Kant: Wien – Berlin 2022

**Link: Waldbrände

Wien und die Natur … Im Gegensatz zu manch anderer Metropole handelt es sich hier um eine eher glückliche Partnerschaft. Ruhmesblätter aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sind die beiden Internationalen Gartenschauen (WIG 64 und WIG 74 – mit jeweils einem neuen Naturpark als bleibender Einrichtung), das Stadtteil-(Grätzel-)Sanierungsprogramm der 80-er Jahre (mit Hinterhofentkernung und Hofbegrünungsaktionen), die Errichtung der Donauinsel, die Erklärung des Wienerwaldes zum Biosphärenpark (gemeinsam mit Niederösterreich), Bemühungen um die Erhaltung einer respektablen Stadtlandwirtschaft und die Schließung des Grüngürtels sowie das Einbringen gemeindeeigener Naturschutzgebiete in den Nationalpark Donauauen.

Ganz auf der Höhe der Zeit ist auch die 2021 vom Gemeinderat beschlossene Widmung einer ca. 10 Hektar großen Brachfläche, die als Standort seltener Pflanzen der Magerwiesen-Flora von beträchtlichem ökologischen Wert ist, zur sogenannten Freien Mitte | Stadtwildnis im neuen Wohngebiet Nordbahnviertel.**

Kein Ruhmesblatt dagegen war der Versuch, den Baumbestand des Sternwarte-Parks zu roden (was den damaligen Bürgermeister das Amt gekostet hat) und ist das seit 2016 laufende Projekt, in der Kulturlandschaft Lainzer Tiergarten – einem ehemaligen Kaiserlichen Jagdgebiet – durch Ausrottung mehrerer seit Jahrhunderten dort heimischer Wildarten „naturnahe“ Verhältnisse herzustellen (→ Blogeinträge vom 20. Oktober 2022 und 17. November 2022). Beide Male wurde selbstherrlich ein ungeschriebenes Gesetz gebrochen. Statt den Finger am Puls des vermeintlichen Zeitgeists zu haben (im Fall des Sternwarte-Parks war es der technokratisch-fortschrittsaffine, in der Causa ‚Lainzer Tiergarten‘ ist es der fundamentalökologische Zeitgeist), hätte die Stadtregierung lieber den biederen und pragmatischen, vielleicht sogar im Grunde immer noch romantischen Gemeinwillen der Wienerinnen und Wiener bedenken und berücksichtigen sollen. Soviel dazu.

Im letzten Teil meiner Überlegungen zur ‚Umweltstadt Wien‘ soll es aber nicht so sehr um die floristischen und dem Bereich der Fauna zugehörigen Elemente der Stadtlandschaft gehen. In der heutigen Folge zum Vortrag vom 11. 11. möchte ich mich mit der gebauten Umwelt Wiens befassen. Mit anderen Worten: „Wie Wien wohnt“ (Mandl | Sabo 2015).*

Wohnen in Wien. Parallel zur Geschichte der ‚Grünen Stadt‘ (Gartenstadt – Stadt der Parks – Umweltstadt)  hat sich die gebaute Stadtlandschaft als Drei-Stufen-Modell entwickelt. Und auch diesem Modell liegt eine ausgeprägte Periodisierung zugrunde.

Wenn man den Ausgangspunkt der bewohnten Stadtlandschaft im Wien der Adelspaläste und Barockgärten, der Vorstädte mit ihren Hofhäusern und Hofgärten ansetzt, dann bildet die nächste Entwicklungsstufe die Stadtlandschaft des 19. Jahrhunderts (Gründerzeit, Ringstraßenära): Einerseits die ‚großbürgerliche‘ Nachahmung der Adelspaläste entlang der Ringstraße und in den Villenvierteln; andererseits die Antithese dazu, die Zinshäuser mit ihren ansehnlichen Fassaden und den beengten Verhältnissen im eigentlichen Wohnbereich („außen Hui, innen Pfui“: kleine Wohnungen, enge Lichthöfe). Die Synthese – wenn man sie denn so nennen möchte – von großbürgerlichem Wohnkomfort und proletarisch-kleinbürgerlicher Ärmlichkeit könnte man dann in der Entwicklung einer ‚Werthaltigen Architektur für alle‘ ab den 20-er Jahren des 20. Jahrhunderts sehen – mit anderen Worten, in der Gemeindebau-Architektur des Roten Wien. Nachsatz: Wenn man das heutige Stadtbild kartographisch abbildet; wenn man auf diesem Stadtplan analysiert, wo sich welche Wohnhausformen befinden – und in welchem Erhaltungszustand sie sind; so offenbart sich Wien geradezu als Freilichtmuseum, als ein mehr oder weniger gut konserviertes ‚STADTBILD IN DREI ASPEKTEN‘, worin sich die historische Entwicklung als Patchwork aus Barockem Wien, gründerzeitlichem und Rotem Wien dargestellt findet.

Gründerzeithäuser (violett); Villenviertel (orange); Gemeindebauten (rot)

Baugeschichte. Fünf Aspekte der „gebauten Stadt“ (Mandl | Sabo 2015, Seite 197)* lassen sich an Wiens Baugeschichte ablesen: Stadterweiterung, Stadterneuerung, Stadtverdichtung, Smart City und ‚die Grüne Stadt‘:

Stadterweiterung

19. Jahrh. Gründerzeit | Vorstädte | Vororte | Cottage

20. Jahrh. Rotes Wien | Bauordnung | Grüninsel Gemeindebau

20. Jahrh. Speckgürtel | ‚Auto-Wien‘: Wiental, Mödling – Baden

21. Jahrh. ‚Öffi-Wien‘: Seestadt Aspern usw.

Stadterneuerung

18. Jahrh. Barockstadt Wien | die Adelige Gartenstadt

19. Jahrh. Ringstraße | Wien der Zinshäuser und Fabriken

1950 ff. Wiederaufbau und Wirtschaftswunder

1980 ff. Althaus- und Blocksanierung | Wärmedämmung und Hofentkernung, Hofbegrünung | Spielstraßen, Fernwärme & Co.

Stadtverdichtung

19. Jahrh. Blockbebauung statt Hofhaus

20. Jahrh. Wiederaufbau und Schließung der Baulücken

20. / 21. Jahrh. Dachausbau | Hochhaus-Cluster: Donauplatte etc.

Umwidmung Industriegebiete: Sonnwendviertel, Arsenal & Co.

Smart City

21. Jahrh. Energieneutralität: Erdwärme, Windkraft & Co

Prosumerismus: Das Wohnhaus als Kraftwerk

Klimafitness, Autarkie & Co: Grüne Stadt und City Farm

Die Grüne Stadt

Wohin geht der Weg? New Generation Greenbelt (Sara MacDonald)* und Stadt der kurzen Wege? Grünraumgerechtigkeit? Usw. usf.

Legen wir diesen fünfteiligen Maßstab an die Baugeschichte Wiens an, so gab bzw. gibt es drei mehr oder weniger deutliche Phasen der Erweiterung: Die Gründerzeit im 19. Jahrhundert mit dem Ergebnis der Eingemeindung der Vorstädte, Vororte und des ‚Cottage‘ = Villenviertels im Westen inklusive Grüngürtel (‚Wald- und Wiesengürtel‘); im 20. Jahrhundert ist es die Bautätigkeit des Roten Wien, angestoßen und begleitet von einer radikal erneuerten Bauordnung.

Neue Bauordnung des Roten Wien. Als Antwort auf die Misere der extrem verdichteten Wohnviertel der Gründerzeit mit ihrer Blockbebauung hat die neue, von den Sozialdemokraten geführte Stadtregierung mit einer Änderung der Bauordnung das Prinzip der Auflockerung ins Zentrum der Stadtplanung gerückt. Ohne die Blockbebauung als solche aufzugeben, wurde diese mit dem Prinzip der erweiterten, begrünten Innenhöfe (statt der bisher üblichen Lichthöfe) verknüpft und sozusagen entschärft. Hören wir dazu den Experten.

„Mindestens 50 % der Grundfläche werden freigehalten; Lichthöfe werden grundsätzlich vermieden, nur in äußersten Ausnahmefällen gebaut; der Zugang zu den Häusern erfolgt über den Hof, nicht von der Straße – die Höfe sind Ausdrucksform des Zusammenhalts, durch große Eisentore geschützte Zuflucht; die Höfe werden gärtnerisch gestaltet und als Aufenthaltsraum gewidmet, Kinder sollen statt auf der Straße in den Höfen spielen. Die Hoffassaden werden so sorgfältig wie die der Straße gestaltet, um den Wert des geschützten Bereichs zu unterstreichen“ (Jahn 2014, I, Seite 20 f.)*

Goethehof, Wien Donaustadt (Luftbild 1938): @ Stadt Wien – data.wien.gv.at

Paradigmenwechsel nach 1945? Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ist diesbezüglich eher ambivalent. Einerseits ist das die Zeit des Wiederaufbaus und der Erweiterung des ‚Speckgürtels‘ mit den beiden Achsen Wiental und südlicher Wienerwald-Rand, von Perchtoldsdorf und Mödling bis Baden. Man kann von dieser Epoche geradezu als dem ‚Auto-Wien‘ sprechen. Der Stadthistoriker Gottfried Pirhofer beschreibt die typische „autogerechte Stadt“ als „Produkt der internationalen Moderne“; deren Leitbilder sind „mit Mobilität verbunden und richten sich funktionalistisch gegen die gemischte, dichte Stadt, die sie durch die aufgelockerte Stadt bzw. durch Trabantenstädte zu ersetzen trachten. Im Wesentlichen kam als Ergebnis der monofunktionale Wohnbau heraus, wie wir ihn in Wien in der Großfeldsiedlung oder am Rennbahnweg haben“ (Pirhofer 2015, Seite 56). Der Trend zur ‚autogerechten Stadt‘ endete um 1980 und wurde durch eine Philosophie der Stadtsanierung bei gleichzeitiger Nachverdichtung ersetzt: Dachbodenausbauten und Hofbegrünung, die Aufwertung der Bausubstanz, des Wohnwerts und Wohnkomforts der Immobilie, beispielsweise durch eine nachträgliche Wärmedämmung, stellten und stellen aus Sicht der Stadtplanung eine Rückkehr zu kleinteiligeren, Stadtteil-basierten Wohn- und Lebensformen dar. 

Andererseits haben sich im 21. Jahrhundert die Schwerpunkte abermals verschoben; aber mit einer typischen Einschränkung. Einer Renaissance der Trabantenstadt, wie sie uns etwa im Konzept der ‚Seestadt‘ begegnet, folgt nicht automatisch die Wiederkehr der ‚autogerechten Stadt‘, sondern eine verstärkte Entwicklung in Richtung öffentliche Verkehrsmittel. Öffi-Wien statt Auto-Wien, um den entscheidenden Unterschied salopp auf den Punkt zu bringen.

Stadterneuerung, Stadtverdichtung, Smart City und ‚die Grüne Stadt‘. Wenn man den Anspruch bedenkt, der in der Bezeichnung SMART CITY steckt, sollte man keinesfalls vergessen, dass sich als Vorstufen einer solchen Entwicklung Inkubationszeiten von mehreren Jahrzehnten beobachten lassen. Die ÖKOLOGISIERUNG DER STADT nimmt schon in den 80-er Jahren des 20. Jahrhunderts Fahrt auf. Mit dem Konzept der Althaus- und Blocksanierung inklusive geförderter Fassadensanierungen (zur Verbesserung der Wärmedämmung) sowie Hofentkernungs- und Hofbegrünungsprojekten, Schaffung von Fußgängerzonen, Spielstraßen und einer Ausweitung des Fernwärmenetzes wird erstmals seit den innovativen Projekten der Zwischenkriegszeit wieder im großen Stil die Stadtlandschaft verändert.

In einer kritschen Phase der ‚Grünen Stadt‘? Wie es weitergehen könnte … Mit jedem neuen Anlauf zur Stadtverdichtung sind gravierende Probleme für das Grün in der Stadt zu erwarten. Bekannt und wieder im Kommen ist eine Methode der VERRINGERUNG des absoluten Grünanteils aufgrund von Verbauung, die sich hinter der ‚Behübschung‘ durch sogenannte POCKET PARKS, also pseudo-begrünte Kleinflächen, versteckt. Eine solche Restfläche nannte man früher in Wien übrigens ‚Beserlpark‘. Auf der anderen Seite bedrohen die neuen Stadterweiterungsprojekte nördlich der Donau nicht nur stadtnahe Agrarflächen, sie haben, wie es scheint, auch die lang versprochene Schließung der GRÜNSPANGE (Ergänzung des Wald- und Wiesengürtels zwischen Bisamberg und der Lobau) zum Stocken gebracht.

Eine weitere Frage, die sich gegenwärtig stellt – ob das Potenzial für Stadterneuerung und|oder Anpassung an die Klimaziele im Althausbestand aus der Gründerzeit beziehungsweise bei den Immobilien aus der Zeit des Wiederaufbaus (50-er, 60-er und 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts) nicht schon ausgereizt ist. Diese Frage wird wohl endgültig erst dann beantwortet sein, wenn die Kosten-Nutzen-Rechnung auch für allfällige Fördermaßnahmen (Maßnahmen zur Steigerung der Klimafitness, wie etwa Erdwärme-Projekte) sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich abgeschlossen sein wird. Und das kann dauern.

Bis die Erhaltung einer vernünftig dimensionierten Stadtlandschaft, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Bebauung, Grünanteil, Verkehrsflächen und einem lebensfähigen urbanen Agrarsektor (von dessen Bedeutung man die Stadtplaner wohl noch überzeugen wird müssen) unter den neuen Voraussetzungen gesichert ist, wird wohl, wie man in Wien sagt, noch viel Wasser die Donau hinunter fließen.

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* Literatur: Evelyn Mandl | Ferenc Sabo: Wie Wien wohnt. Gestern | heute | morgen. Christian Brandstätter Verlag: Wien 2015; Sara MacDonald et al.: Rethinking the governance and planning of a new generation of greenbelts (2020); Harald A. Jahn: Das Wunder des Roten Wien. 2 Bände. Phoibos Verlag: Wien 2014; Gottfried Pirhofer: Der Stadthistoriker (Interview). In: Evelyn Mandl | Ferenc Sabo: Wie Wien wohnt. Gestern | heute | morgen. Christian Brandstätter Verlag: Wien 2015, Seite 54–57

** Link: Freie Mitte | Stadtwildnis

** Das aktuelle Thema: Raus aus Gas

Als ich unlängst von der Absberggasse im 10. Bezirk zum Stephansplatz spazierte, wurde mir auf verblüffende Weise etwas klar. Praktisch die ganze Strecke legte ich unter Bäumen zurück. Der Weg führte mich vom neuen Helmut Zilk Park im Sonnwendviertel durch das Arsenal mit seinem herrlichen alten Baumbestand zum Schweizer Garten, dort machte ich einen Abstecher in den Barockgarten des Belvedere, von wo es – nach einem stärkenden Zwischenstopp im Bierlokal des Schwarzenberg Parks – weiter ging.

Der nächste Halt galt leider keinem Musterbeispiel für umweltbewussten Urbanismus – im Gegenteil. Beim Betreten des Schwarzenbergplatzes erwartete den müden Wanderer eine veritable ökologische Ohrfeige, beziehungsweise nein, es muss anders heißen. Die Ohrfeige ist dem großen Platz am Fuße des kleinsten Weingartens Wiens seinerzeit verpasst worden vom spanischen Architekten Alfrede Arribas, der ihn in den Jahren 2002–2003 zum weitläufig bodenversiegelten, plump auftrumpfenden Hitzepol-Monster 'gestylt' hat. Eine umweltpolitische Respektlosigkeit, die mir beim Anblick des Hochstrahlbrunnens (eingeweiht zu Ehren der 1. Wiener Hochquell-Wasserleitung) gleich noch einmal so ärgerlich wurde. Kein Ort, um zu verweilen. Nach einer weiteren baumlosen Durststrecke wartete endlich die edel belaubte Doppel-Allee der Ringstraße auf mich, von wo es nur mehr ein Katzensprung war zum Stephansdom mit seinem an die Seitenwand angelehnten – nomen est omen – Götterbaum.

Eine Option wäre auch der Umweg über den Rennweg hinauf zum Botanischen Garten gewesen, von dort durch die Ungargasse zum Stadtpark, dann ein kurzer Blick – nein, nicht auf den Herrn Lueger sondern auf die majestätische Platane dahinter. Den unvermeidlichen Schlusspunkt würde dann das in Ehren ergraute Künstler-, Intellektuellen-, Touristen- und Pensionistencafé Prückel gebildet haben.

„Schon merkwürdig,“ dachte ich beim Gehen, „wie das Klischee von der Wirklichkeit eingeholt wird.“ Zum Rhythmus der Schritte gesellte sich im Schädel ein Mantra-artiges „Grünes Wien, Grünes Wien …“ Anscheinend ist dieses Mantra in der kulturellen DNA meiner Heimatstadt fest verankert. „Im Prater blüh’n wieder die Bäume…“;  „Wenn der weiße Flieder wieder blüht…“;  „Drunt‘ in der Lobau …“ Und wo ließen die Proletarierinnen und Proletarier ihren ersten Maiaufmarsch stattfinden? Erraten – im Prater.*   

Gartenstadt trifft Aufklärung. Im 18. Jahrhundert erhob sich ein vielstimmiger Chor, der sein teils wohlklingendes, teils kakophonisches Lied vom neuen Menschen erschallen ließ. In diesem Lied schwangen auch neuartige Naturlaute mit. Was John Locke und David Hume, Adam Smith und die Physiokraten,* Diderot, Voltaire, Rousseau und die übrige enzyklopädische Gang theoretisch erörterten, fand als Aufgeklärter Absolutismus („Alles für das Volk, nichts durch das Volk“) seinen aristokratisch-praktischen Niederschlag.

In Wien sah das dann so aus, dass die Herren der Barockstadt ihre Gärten auch den Untertanen zur Verfügung stellen zu sollen meinten. Allen voran der Kaiser. Ohnehin kein Freund der Jagd, öffnete er die herrschaftlichen Reviere Prater und Augarten dem p.t. Publikum umso lieber, als dieses respektvoll, gesittet und höflich – gewissermaßen mit ständig gezogenem Hut – den von allerhöchster Stelle angebotenen Naturgenuss in Empfang nahm. Oben wie unten war man aufgeklärt, will heißen: Vom Wert der Natur für Moral, Ernährung und Volksgesundheit überzeugt.

Als einen „Schätzer“ der Menschheit ließ sich Joseph II. auf der Gedenktafel am Eingang zum Augarten feiern. Diese neue Wertschätzung der Natur als Teil der Wertschätzung des Menschen musste sich in Wien die Schauplätze dafür nicht erst schaffen; die Barocke Gartenstadt, eingebettet zwischen Wald- und Wasserlandschaft, verfügte über jede Menge unverbauter Räume, die sich zu obrigkeitlich verordneter volkshygienischer Nutzung anboten.

Aufklärung trifft Romantik trifft Sozialreform. Bezüglich Sehnsucht der Wienerinnen und Wiener nach Grün ließ sich die Barocke Gartenstadt ohneweiteres mit physiokratischen Erkenntnissen und romantischen Gefühlen verbinden. Eine solcherart gefestigte Tradition erweist auch im beginnenden Biedermeier, nach den aufwühlenden Erfahrungen der Napoleonischen Kriege ihre Beharrungskraft. Und das auch kulturell überhöht – von Schuberts nicht nur im häuslichen Freundeskreis sondern auch in freier Natur dargebotenen Liedern bis zu Beethovens Pastorale, wo die Natur nicht als Hintergrund von Landpartien sondern als sie selbst verherrlicht wird.  

Was das ‚Grün in der Stadt‘ betrifft, so lassen sich in der Donaumetropole drei Schichten – drei historische Erneuerungs- und Verbesserungsschübe in Richtung ökologisch ausgewogener städtischer Umwelt entschlüsseln:

Im 5- bis 10-jährigen Rhythmus während der ‚aristokratischen‘ Phase, im 10-jährigen während der ‚bürgerlichen‘ Phase beziehungsweise im Abstand von 10 bis 20 Jahren seit der ‚proletarischen‘ Ära beobachtet man eine zwar langsamer werdende, doch niemals ganz zum Stillstand kommende, kontinuierliche Begrünungspolitik im urbanen Raum:

Adel verpflichtet

1766 Prater

1775 Augarten

1779 Schlosspark Schönbrunn

Die Gärten der Bürger

1819–23 Volksgarten

1857–65 Stadtpark, Rathauspark

1871–74 Errichtung des riesigen Zentralfriedhofs

1888 Türkenschanzpark

1905 Wienerwald unter Schutz gestellt

1906 Einweihung des Schweizer Gartens

1919 Öffnung des Lainzer Tiergartens

Das grüne Rote Wien

1935 Kauf des Pötzleinsdorfer Schlossparks**

1957 Kauf des Schwarzenbergparks

1967, 1974 Internationale Gartenschau WIG

1972–1988 Errichtung der Donauinsel

2003 ff. Seestadt, Sonnwendviertel, Stadtwildnis Wien & Co.

Sprießendes Grün. Bemerkenswert ist der Zuwachs an öffentlichem Grün im verbauten Stadtgebiet. Von 1819 bis 2020 wuchs Wiens Parklandschaft jährlich um rund 12 Hektar, das sind rund 17 Fußballfelder. Von jedem beliebigen Punkt der Stadt beträgt die weiteste Distanz zur nächsten größeren Grünfläche im Durchschnitt drei, maximal fünf Kilometer. 

Noch ein Wort zur GRÜNEN POLITIK DES ROTEN WIEN. Auch da lebt die Longue durée, die Lange Dauer der Barocken Gartenstadt und des Aufgeklärten Absolutismus in gewisser Weise weiter. Im Gemeindebau der Zwischenkriegszeit herrschte das sozialdemokratische Credo mit seinen drei Grundsätzen Naturverbundenheit, Bildungsbeflissenheit und Gemeinschaftssinn. Sodass man geradezu vom Roten Wien inmitten einer bäuerlich-kleinbürgerlichen Umgebung sprechen könnte … Aber wen wundert’s? Hatten doch nicht wenige Wiener Proletarier immer noch Verwandtschaft auf dem Lande. Aber statt in die Kirche und anschließend zum Kirchenwirt ging man Sonntags – in die Lobau … in den Wienerwald … nach Sievering zum Heurigen. 

Zeitgeist. Wenn wir die Ökologisierung der Millionenstadt Wien im 19. und 20. Jahrhundert wirklich verstehen wollen, müssen wir unseren Blickwinkel erweitern und uns ansehen, welche umweltpolitischen Forderungen und Folgen die Weltanschauung anderswo hervorbrachte:  

Ökologisierung des Lebens in der Stadt

1742 Öffnung des Tiergartens Berlin für die Bevölkerung

1783 Bois de Boulogne für das Pariser Publikum geöffnet

1851 Weltausstellung im Hyde Park, London

1859 Eröffnung des Central Park, New York

Naturgenuss

1862 Österreichischer Alpenverein

1863 Schweizer Alpen-Club

1869 Deutscher Alpenverein

1895 Aufruf in der ‚Arbeiter-Zeitung‘ zur Gründung der Naturfreunde Österreichs

1896 Gründung der Wandervogelbewegung

1912 Erste Pfadfindergruppe Österreichs in Wien

1925 Rote Falken in Wien

Wiederum fällt auf, wie nahtlos sich die Österreichische Sozialdemokratie (in ihren urbanen Stützpunkten, den Industriegebieten und den großen Städten) dem ideologischen Gesamtbild einfügt und ein letztlich in der Romantik wurzelndes Naturverständnis weiter pflegt und hochhält. So entsprechen dem bürgerlichen ‚Alpenverein‘ die proletarischen ‚Naturfreunde‘; auf die bürgerlichen Jugendbewegungen ‚Wandervögel‘ und ‚Pfadfinder‘ antwortet die Sozialdemokratie umgehend mit ihrer eigenen Wandervogel-Bewegung, den ‚Roten Falken‘. Der kleinbürgerlichen Reformbewegung, den Gartenstädten und Reihensiedlungen wird mit dem Dorf-in-der-Stadt-Konzept namens Gemeindebau entgegengetreten. Dieses kann nämlich ebenfalls als ‚Wohnen im Grünen‘ gelesen werden …  natürlich minus 'BÜRGERLICHER INDIVIDUALISMUS' und zuzüglich 'PROLETARISCHE SOLIDARITÄT'. (Wird fortgesetzt)

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* Anmerkungen:

Erster Maiaufmarsch. Das war im Jahr 1890. Weil die Behörden jede Kundgebung vorab untersagt hatten, organisierte die sozialdemokratische Führung einen – Praterspaziergang. Etwa 100.000 Menschen nahmen daran teil.

Physiokraten. Mitglieder einer von François Quesnay (1694–1774) gegründeten ökonomischen Schule, welche die Natur als einzige Quelle des Volkswohlstandes ansah (physiocratie, wörtlich ‚Kraft der Natur‘).

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** Anmerkung Pötzleinsdorfer Schlosspark. Ja, auch wenn die Rote Stadtregierung 1934 nach der Niederschlagung der Schutzbunderhebung abgesetzt war, der Geist der  kleinbürgerlich-proletarischen Reformbewegung lebte weiter.

Der erste Teil meines Blogs zum Vortrag vom 11. 11. schloss mit der einigermaßen gewagten Behauptung, dass die ökologisch-agrarökonomische Geographie der Barocken Gartenstadt unübersehbare Spuren an der 1,9-Millionen-Metropole hinterlassen habe. Und dass „der Wiener in seiner Mentalität ein ‚ländlicher‘ Typus geblieben“ sei. Um dieser Aussage historisch auf den Zahn zu fühlen, machen wir einen Sprung – zwar noch nicht gleich in die Gegenwart, aber doch an die Anfänge dessen, was man das moderne Wien nennen mag.  

Denn eigentlich (was gern übersehen wird) war Wien bis in die Zeit des Vormärz (etwa 1818 – 1848) die ‚urtümliche‘, naturnahe STADTLANDSCHAFT zwischen großen Wäldern, zahlreichen über Terrassen herabfließenden Bächen und der ungezähmten, vielarmigen Donau geblieben.

In dieser Entwicklung gibt es einen Bruch – die INDUSTRIALISIERUNG. Die hatte zwar bereits im Vormärz erste Lebenszeichen von sich gegeben, entfesselt wurde sie jedoch erst nach der Jahrhundertmitte, nach der – politisch gestoppten, ökonomisch erfolgreichen – bürgerlichen Revolution. So bildet die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts als sogenannte GRÜNDERZEIT auch einen ersten (freche Frage: vielleicht den einzigen?) Einschnitt in das viel besungene Phäakentum der Wienerinnen und Wiener, wie es zuletzt als sogenanntes Biedermeier in Blüte stand.

Bevölkerungswachstum und Industrialisierung. Charakteristikum und Begleiterscheinung dieser Zeit ist das enorme Bevölkerungswachstum im Wiener Großraum, vor allem in den sogenannten Vorstädten und Vororten, die dann auch nach Schleifung der Stadtmauern mit dem alten Stadtkern vereinigt wurden (Eingemeindungen der Vorstädte, später auch der Vororte). Deutlich befeuert wurde diese Entwicklung von der Industrialisierung der Gebiete SÜDLICH der Vorstädte; später siedelten sich auch im Gebiet NÖRDLICH bzw. NORDÖSTLICH der nun begradigten Donau (zum Beispiel in Floridsdorf) Industriebetriebe an – mit all den bedenklichen sozialen Begleiterscheinungen, die damit einherzugehen pflegen.

Wien nach der Donauregulierung (1870|75)

Die Gründerzeit des 19. Jahrhunderts ist eine Epoche der Krisen, aber auch eine Epoche der Reformen: Die regelmäßig auftretenden Hochwasser-Ereignisse mit verheerenden Folgen besonders für die Gebiete und Dörfer nördlich des Wiener Donauarms (heutige Bezirke Leopoldstadt, Brigittenau) beziehungsweise nördlich der Hauptarme der Donau (Floridsdorf, Donaustadt) führten seit dem 18. Jahrhundert zu verschiedenen mehr oder weniger effizienten Regulierungsversuchen, die mit der großen Donauregulierung von 1870|75 einen vorläufigen Schlusspunkt fanden (Begradigung des Strombetts; Errichtung des ‚Überschwemmungsgebiets‘; Wiener Donaukanal). Die ebenfalls problematischen Wienerwaldbäche inklusive Wienfluss wurden verbaut, das heißt  kanalisiert und großteils in den Stadtuntergrund verlegt.

Immer wieder aufflackernde Seuchen und die katastrophale hygienische Situation in den dicht besiedelten und eng verbauten Vorstädten, wo die großen Mietzinskasernen anstelle kleiner Hofhäuser wie die Pilze aus dem Boden schossen, führten zu einer radikalen Neugestaltung der Wasserversorgung. An die Stelle der unhygienischen Hausbrunnen traten die beiden Hochquell-Wasserleitungen (1873, 1910).

Ein wichtiges, auch sozial- und kulturpolitisch bedeutsames Requisit der Wohnkultur wird die sogenannte BASSENA. Zusammen mit dem sogenannten ‚Klo am Gang‘ (also Wasser-Klosett anstelle des im Hof angesiedelten Abort-Häuschens) war das eine echte hygienische und sozialökonomische Verbesserung. Das Wasser ist jetzt nicht nur von exzellenter Qualität, es muss auch nicht mehr mühsam vom Hof oder gar einige Straßen weiter geholt und die Stockwerke hinauf geschleppt werden. Als Anlaufstelle für Klatsch und Tratsch ersetzt die BASSENA auch perfekt den HAUS-, HOF- oder STADTBRUNNEN.

Artenschwund, ökologische Verarmung. So positiv sich die Donauregulierung auf die Wohn- und Lebensverhältnisse der Wiener Stadtbevölkerung ausgewirkt haben mochte, so verheerend waren deren Folgen für die nicht-menschlichen Bewohner der Stadtlandschaft Wien. Am Beispiel der im Wiener Großraum heute und vor 200 Jahren vorkommenden Vogelarten kann man die ökologische Verarmung sehr gut rekonstruieren: Zwischen 1870 und 1920 sind von den ursprünglich rund 120 Arten mindestens 16 ausgestorben, das entspricht einer Rate von 13 Prozent.

Kaiseradler, Schwarzstorch, Rotmilan: drei aus Wien verschwundene Arten

Aus mehreren Gründen – einige sind Gegenstand des Vortrags – hat sich der Artenschwund seit den 50-er und 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts verlangsamt, ja durch Einwanderung von rund einem Dutzend neuer Arten quasi umgedreht. Kanadagans (Branta canadensis), Mandarinente (Aix galericulata), Türkentaube (Streptopelia decaocto) und Co. profitierten vom ‚Grünen Wien‘ des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, dem Wien der Parks und Naturschutzgebiete. Dieses ‚Grüne Wien‘ kann übrigens durchaus als eine zielgerichtete Antwort auf Bevölkerungswachstum, Industrialisierung und soziale Krise verstanden werden – somit auch als eine Art ‚Renaissance‘ der Barocken Gartenstadt. Mit auch für die gefiederten Wienerinnen und Wiener recht ersprießlichen Begleiterscheinungen.  

Wiener Vogelleben heute. Nach einer im Verlag des Naturhistorischen Museums herausgebrachten Studie zeigt die Artenverbreitung im urbanen Großraum – also dort, wo sich die von mir so genannte ‚Stadtlandschaft‘ erstreckt – ein typisches Muster.  Die zersiedelte Mischzone zwischen eng verbauter Innenstadt und bewaldetem Stadtrand (typischer Weise gleichzusetzen mit den ehemaligen Vororten und heutigen Außenbezirken – man könnte auch vom Grünraum zwischen Gemeindebau, Schrebergarten und Villenviertel sprechen) – weist die meisten Arten auf, die Agrarsteppe im Osten die wenigsten, noch weniger sogar als in der eng verbauten Innenstadt zu finden sind.

Wie gesagt – dieses doch recht erfreuliche Bild verdankt sich letzten Endes und plakativ ausgedrückt dem Wiener Phäakentum, jener sich gegen alle Anfechtungen der Moderne durchhaltenden und sich sogar im sozialen Umfeld eines Groß- und Kleinbürgertums, ja proletarischen Industriearbeitertums behauptenden ‚Ländlichkeit‘ des Wiener Charakters. Dazu mehr im nächsten Blog ...

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* Literatur: Gábor Wichmann | Michael Dvorak | Norbert Teufelbauer | Hans-Martin Berg (Hg.): Die Vogelwelt Wiens. Atlas der Brutvögel. Wien: Verlag des Naturhistorischen Museums Wien, 2009

Im ersten Eintrag meiner ‚Selbstgespräche mit Leserinnen und Lesern‘ habe ich versprochen, nicht nur übellaunig zu sein sondern auch „über mehr oder weniger erfreuliche Ausnahmen von der Regel, … dass Homo sapiens egoistisch und egozentrisch, rücksichtslos und dabei auch noch erstaunlich kurzsichtig ist“ (Blog # 1 vom 14. September 2022) zu berichten und Dinge zum Besten zu geben, von denen ich glaube, dass sie tatsächlich zu den besten gehören. So liegt es auf der Hand, nach dem Aufweis von eher nicht so wirklich ‚besten Dingen‘ aus der Werkstatt von Wiens Stadtregierung (= meine ganz persönliche Version der Geschichten aus dem Wienerwald) der Wahrheit – einer ganz anderen Wahrheit – jenseits der Ärgernisse nachzugehen und die von besagter Stadtregierung selbst regelmäßig behauptete Rolle Wiens als Umweltstadt, ja Grüne Stadt zu untersuchen. Das habe ich zuletzt in einem öffentlichen Vortrag probiert.

Vortrag, 11.11.2022

In diesem Vortrag ließ ich für eine angenehme knappe Stunde das Feld der (Zeit-)Kritik links liegen, um die Komfortzone des Historikers aufzusuchen. Bequem zurückgelehnt aus der Ferne zuzusehen, wie sich Verhältnisse und Jahrhunderte die Hand reichen, ist eine Option; Ziel muss dennoch der Erkenntnisgewinn sein, den dieser Blick durchs halb geöffnete Fenster gewährt.

Historiker at ease © Thuan Nguyen-Tien    

Wie man wurde, was man ist. „Ich bin ein Kind der Stadt – die Leute meinen und spotten leichthin über unsereinen, dass solch ein Stadtkind keine Heimat hat. In meine Spiele rauschten freilich keine Wälder. Da schütterten die Pflastersteine, und bist mir doch ein Lied, du liebe Stadt“ (Anton Wildgans, 1881–1932). Ja. Aber. Kann man sich Paris vorstellen ohne die Seine? London ohne Themse? Ohne Hyde Park, Kensington Gardens, Hampstead Heath? Berlin ohne die Spree, den Tiergarten, den Grunewald?

Wien und die Donau … Praterauen und Wienerwald. Terrassen, die sich zur Stadtmitte absenken und östlich der Donau in die Ebene des Marchfelds auslaufen. Keine Stadt ohne Stadtlandschaft. Die Geographie des urbanen Raumes ist die Geographie seiner Hügel, Abhänge, Terrassen, Flusstäler und – ja, auch das – Senken, Sümpfe und stehenden Gewässer. Die gute Luft und ein gesundes Klima verdankt sie günstigen Winden; oder sie wird zum Hotspot der Seuchen, wenn ihre Gewässer in der brütenden Hitze stagnieren.

Über diese ‚Urlandschaft‘ – also die geographischen Voraussetzungen, die sozusagen schon immer gegeben waren und noch heute ihre Wirkung entfalten, stellt der Wiener Sozial- und Wirtschaftshistoriker Peter Eigner in seiner zusammen mit Andreas Weigl herausgegebenen ‚Sozialgeschichte Wiens 1740–2020‘ fest: „Es sind naturräumliche Gegebenheiten, die die Ausgestaltung und Wachstumsrichtung des Wiener Stadtraums wesentlich mitbeeinflussten: die Lage an der Donau bzw. jene am Rande des Wienerwalds, des östlichsten Ausläufers der Nordalpen. Große Teile des heutigen Wiens waren bis weit in das 19. Jahrhundert hinein eine weitgehend von Wasserläufen, Auen und Tümpeln geprägte und daher dünn besiedelte Naturlandschaft.“*

Wie man wurde, was man ist. Gehen wir also ein paar Jahrhunderte zurück, sagen wir in die Zeit um 1700. Das Bild der Stadt, das sich uns bietet, ist, um‘s mal salopp zu sagen, noch ganz schön viel ‚freie Natur‘ und ganz schön wenig ‚Stadt‘. Eine Stadt, in der es sich – so das einhellige Stereotyp – gut leben ließ. Die Wiener seien unbekümmerte Phäaken, hieß es im neiderfüllten Ausland. Natürlich gab es in der Sozialgeschichte Wiens Hunger und Elend. Aber es gibt eben jene andere, typische Annahme: dass sich die BAROCKE GARTENSTADT, die Residenzstadt Wien, mit den wichtigsten Grundnahrungsmitteln (samt dem ‚Luxusgut‘ Wein) viel besser selbst versorgen konnte, als viele vergleichbare Städte Mitteleuropas. Diese Annahme – wie wahrscheinlich ist sie ?

Barocke Gartenstadt. Nach einer neueren Berechnung (Tim Soens)* benötigte Wien im 18. Jahrhundert ein agrarisches Einzugsgebiet von rund 450 km2, das ist ziemlich genau die Fläche des heutigen Bundeslandes Wien. Und dieses agrarische Umland war tatsächlich vorhanden.

Wien um 1750 mit der eigentlichen Stadt, den Vorstädten und Vororten

Wien hatte um 1750 zusammen mit den Vorstädten und Vororten 191.200 Einwohner und Einwohnerinnen. Diese bezogen ihren Lebensunterhalt und ihre Lebensqualität im wesentlichen aus drei Quellen:

Dazu kam der Weinbau im Westen, an den Hängen des Wienerwaldes. Das Handwerk und die Verarbeitungszentren agrarischer Produkte, vor allem die Getreidemühlen konzentrierten sich dort, wo der Ackerbau an die Stadtlandschaft stieß, also im Süden (daran erinnert der noch heute existierende Getreidemarkt nahe dem Wienfluss) und nordöstlich der Stadt (der Ortsteil Kaisermühlen erinnert an die großen Schiffsmühlen auf der Donau). Die wichtigsten Märkte für Agrargüter lagen im Süden, diejenigen für Salz und Flussfische im Norden, nämlich am Wiener Arm der Donau (heute: Donaukanal). Alle Grundnahrungsmittel konnten aus einem Umkreis von etwa einer Tagesreise herangeschafft werden.

In meinem Vortrag stellte ich daher eine möglicher Weise ziemlich kühn anmutende Behauptung auf. „Die ökologisch-agrarökonomische Geographie der Barocken Gartenstadt Wien liegt noch der heutigen ‚Grünverteilung‘ in der Millionenstadt Wien zugrunde.“ Und übermütig geworden, legte ich noch eins drauf: „Der Wiener ist in seiner Mentalität ein ‚ländlicher‘ Typus geblieben.“ Der Wahrheitsbeweis (wenn er denn möglich ist) wird hier demnächst angetreten … Fortsetzung folgt.     

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* Literatur:

Andreas Weigl | Peter Eigner (Hg.): Sozialgeschichte Wiens 1740–2020. Transformationen des Raums, Inklusion und Exklusion, Außenansichten und Mobilität. Studien Verlag: Innsbruck – Wien 2022;

Tim Soens: Urban Agriculture and Urban Food Provisioning in Pre-1850 Europe: Towards a Research Agenda. In: Erich Landsteiner | Tim Soens (Hg.): Farming the City. The Resilience and Decline of Urban Agriculture in European History. Studien Verlag: Innsbruck – Wien 2020 (Seite 13–28)

Im letzten Eintrag machte ich die Naturfreundin, den Naturfreund mit der traurigen Tatsache bekannt, dass der schöne Lainzer Tiergarten hinter dem Rücken seiner Eigentümer, der Wienerinnen und Wiener (aber offenbar mit Wissen und Billigung der Stadtverwaltung) erheblich beschädigt wurde. Was seine Schutzwürdigkeit als kulturell und naturkundlich wertvolle Landschaft betrifft – ein historisches Jagdrevier mit artenreichem Wildbestand –, gibt es keinen Zweifel. Sollte man meinen. Immerhin handelt es sich beim Lainzer Tiergarten um ein Natura 2000-Naturschutzgebiet; und um ein Europaschutzgebiet.

In diesem zweiten Teil meiner Eloge auf die bedrohte Fauna des „Tiergartens der Wiener“ (Gergely / Prossinagg: Vom Saugarten des Kaisers zum Tiergarten der Wiener) erlaube ich mir die naive Frage (wie es sich geziemt im Wiener Dialekt): „Ja derfen (dürfen) s‘ denn des?“ Gesetze sind gemacht, auf dass man sie befolge. So weit, so einfach …  

Wiener Naturschutzgesetz. Unter der Überschrift Allgemeine Bestimmungen klärt § 1 des Wiener Naturschutzgesetzes darüber auf, dass „dieses Gesetz dem Schutz und der Pflege der Natur in all ihren Erscheinungsformen im gesamten Gebiet der Bundeshauptstadt Wien“ dient. Wenn wir uns nicht täuschen, sind also auch Rothirsche, Damhirsche und Mufflons damit gemeint.

Anders gesagt: Die Erzdiözese Wien könnte den Stephansdom nicht einfach abreißen lassen (zum Beispiel aus Kostengründen). Stephansdom, Schloss Schönbrunn und Lainzer Tiergarten sind Teil unseres Kulturerbes, Tiere und Pflanzen Teil unseres Naturerbes – sonst bräuchte es das ganze Wiener Naturschutzgesetz nicht. Ja irgendwie „gehören“ alle Rot- und Damhirsche, Mufflons und Wildschweine des Lainzer Tiergartens den Wienerinnen und Wienern auch im zivilrechtlichen Sinn (beziehungsweise den Bürgerinnen und Bürgern der Republik Österreich als Rechtsnachfolgern der Habsburger). Und wenn schon nicht das, so wenigstens als Symbolisches Kapital.

Ermessenssache Naturschutz? Wenn auch ‚nur‘ symbolisch, so ist das Naturerbe ein uns, den Bürgerinnen und Bürgern gehörendes Kapital. Dessen Nutzung hat nachhaltig zu sein – oder wie es im  § 4. Absatz 1 heißt:  Die Natur darf nur insoweit in Anspruch genommen werden, als „ihr Wert auch für nachfolgende Generationen erhalten bleibt“. Der Gesetzgeber lässt auch keinen Zweifel offen, wo die Grenzen besagter Inanspruchnahme liegen. Er untersagt alle Eingriffe, „die dem Schutzzweck zuwiderlaufen“ (§ 7. Absatz 4).

Ausnahmen … Hurra, ein Schlupfloch? Nicht wirklich. Die Naturschutzbehörde kann Ausnahmen nur dann bewilligen, „wenn die geplante Maßnahme keine wesentliche Beeinträchtigung des Schutzzweckes darstellt oder das öffentliche Interesse … bedeutend überwiegt.“ Wenn die Ausrottung dreier seit Jahrhunderten im Lainzer Tiergarten ansässiger Wildtierarten nicht eine „wesentliche Beeinträchtigung des Schutzzweckes“  ist, dann fragt man sich, was mit der Bezeichnung Lainzer Tiergarten gemeint sein soll. „Aber nur so lässt sich ein naturwaldartiger Zustand herstellen.“ Welches Interesse sollte „die Öffentlichkeit“ daran haben, dass aus dem „Tiergarten der Wiener“, einem durchgängig begehbaren Park, wo man als Bonus auch noch interessante Tiere zu Gesicht bekommt, ein weitgehend wildleerer, teilweise abgesperrter Pseudo-Urwald mit Betretungsverbot wird? Siehe Johannser Kogel, wo das schon heute der Fall ist.

Artenschutz im Sinne des Gesetzes. Eingriffe in eine bestehende Population wild lebender Tiere dürfen nach dem Wiener Naturschutzgesetz, das sich dabei auf die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU bezieht, nur dann vorgenommen werden, wenn „es keine andere zufriedenstellende Lösung … gibt“ und „der Erhaltungszustand der betroffenen Art im Gebiet der Bundeshauptstadt Wien trotz Durchführung der … Maßnahme günstig ist“ (§ 11. Absatz 4).

Dass es „keine andere zufriedenstellende Lösung“ für den Schutz des Waldes im Lainzer Tiergarten geben soll als die radikale Eliminierung dreier Wildtierarten, ist mit der Geschichte dieses ehemals kaiserlichen Jagdreviers ausreichend widerlegt, aber auch durch die bisherige Praxis einer über hundert Jahre währenden Verwaltung durch die öffentliche Hand. Was die Forderung des Gesetzgebers betrifft, dass der gute Erhaltungszustand von Arten, die durch einen Eingriff betroffen sind, im Gebiet der Bundeshauptstadt Wien weiter gewährleistet sein muss, erlauben wir uns den Hinweis, dass es außer dem Lainzer Tiergarten nirgendwo in Wien Bestände von Dama dama und Ovis gmelini musimon gab und gibt. Einmal aus dem Park entfernt, sind diese beiden Spezies definitiv – wie sagt der Volksmund?  – futsch.

Und wo in der Vereinbarung zwischen Forst- und Landwirtschaftsbetrieb (MA 49), der Wiener Umweltschutzabteilung (MA 22), der Tierschutzombudsstelle Wien, der Wiener Umweltanwaltschaft und dem Verein gegen Tierfabriken (auf dieser ‚Vereinbarung‘ beruht die Eliminierung der drei Spezies), wurde der „nötige Ausgleich für die Beeinträchtigung“ festgeschrieben? Das fragt man sich mit Blick auf § 11 des Wiener Naturschutzgesetzes, wo ja genau solches gefordert wird. Wenig überraschend die Antwort – nirgends.

Nicht schutzwürdig! „Rothirsch, Damhirsch, Mufflon sind ja nicht gefährdet!“ Ich höre es – und muss lachen (zugegeben, ein wenig bitter). Hat ja das Wiener Naturschutzgesetz ausdrücklich auch „nicht geschützte freilebende Tiere“ in seinen Geltungsbereich übernommen (nachzulesen im Abschnitt Allgemeiner Tier- und Pflanzenschutz, § 13. Absatz 1).

„Aber zumindest sind Damhirsch und Mufflon keine ursprünglichen Arten des Lainzer Tiergartens!“ Ist das so? Wenn im Gesetz als Ziel unter anderem die „Erhaltung der Ursprünglichkeit“ (eines zu schützenden Gebiets) betont wird (§ 23. Absatz 3), so kann sich das logischer Weise nur auf den Zustand zum Zeitpunkt der Unterschutzstellung beziehen. Im Fall des Lainzer Tiergartens sind somit als ‚ursprünglich‘ alle Arten anzusehen, die vor mehr als 90 Jahren dort heimisch waren. Also inklusive Rotwild, Damwild und Mufflons.

Der Punkt ist, dass im Naturschutz nicht mit zweierlei Maß gemessen werden soll. Naturschutz betrifft alle Kinder der Natur, die großen und spektakulären, die kleinen und unscheinbaren, die seltenen und die häufig vorkommenden. Und das Naturschutzgesetz gilt für sämtliche Naturnutzer. Wenn sich schon Blumenpflückerin und Schwammerlsucher an die Regeln halten müssen, um wieviel mehr ist solche Achtsamkeit vom Forstdirektor einzufordern.   

Abschließend ein kleiner Hinweis für den (unwahrscheinlichen) Fall des Falles: § 37 des Wiener Naturschutzgesetzes regelt auch die– ich zitiere – „Wiederherstellung des früheren Zustandes“ …

P.S. Nichts dazugelernt? „Geschichten aus dem Wienerwald“ betitelt der KURIER in der Ausgabe vom 17. November 2022 seinen Bericht über die geplante Errichtung des Logistik-Zentrums eines Gourmet-Gastro-Lieferanten auf einem der Stadt Wien und der Asfinag gehörenden 47.000 Quadratmeter großen Areal. Zwar soll die Anlage CO2-neutral werden (man hört’s … aber kann man’s auch glauben?) Dass die versiegelte oder weiter zu versiegelnde Fläche an den Lainzer Tiergarten grenzt, hat schon ein wenig Haut goût. Immerhin werden dort voraussichtlich rund 300 Sattelschlepper andocken und sich etwa 1.200 Fahrten mit Klein-LKWs abspielen. Täglich. Dass dazu eine ehemalige Mitarbeiterin der Umweltorganisation Global 2000 (siehe Google-Eintrag ‚Wiener Stadtregierung – Amtsführende Stadträtinnen und Stadträte‘) ihren Sanctus gibt (oder zu geben hat), lässt den Braten auch nicht weniger streng riechen. Auf dieses Gourmet-Gericht kann man jedenfalls gespannt sein.

Wer in seine Suchmaschine den Begriff „Lainzer Tiergarten“ eingibt, stößt rasch auf die offizielle Seite der Stadt Wien,** wo allerlei Wissenswertes zur Geographie, Landschaft, Flora und Fauna dieses 2500 Hektar (25 km2) großen Naturschutzgebiets im Westen der Millionenstadt zu finden ist. Freilich fallen auch ein paar Ungereimtheiten auf.

Wenn man – wie der Autor dieser Zeilen dies seit Kindheitstagen tut – das prachtvolle Gebiet regelmäßig aufsucht und durchstreift, ist man den meisten seiner geflügelten oder vierfüßigen Bewohner schon einmal persönlich begegnet. Und man meinte daher jenen Fachbüchern und Beschreibungen Glauben schenken zu dürfen (Gergely / Prossinagg, Wikipedia u.a.),** die jenes Naturjuwel als Gebiet mit reichem Wildbestand – mit Rot- und Damhirschen, Mufflons (Wildschafen), Rehen und Wildschweinen – darstellen. Um dann verblüfft festzustellen, dass auf der aktuellen Homepage der Stadt Wien drei davon, nämlich die Rothirsche, das Damwild und die Mufflons nicht mehr vorkommen. Dabei waren sie doch noch unlängst als typische Bewohner des Lainzer Tiergartens abgebildet und beschrieben und dem p.t. Publikum ans Herz gelegt worden („aber bitte nicht füttern“) – auf dem nett gemachten bunten Folder, den die Parkverwaltung Besuchern und Besucherinnen beim Haupteingang kostenlos aushändigt.

Arbeitsgruppe mit Biss. Es begann mit einer „Arbeitsgruppe Lainzer Tiergarten“ und deren ökologischem Husarenstück namens Wildtiermanagement, dem zufolge die Wildschweinpopulation zu reduzieren und der „Bestand an Rot-, Dam- und Muffelwild aufzulassen“ sei. So steht es in einer Vereinbarung zwischen Forst- und Landwirtschaftsbetrieb (MA 49), der Wiener Umweltschutzabteilung (MA 22), der Tierschutzombudsstelle Wien, der Wiener Umweltanwaltschaft und dem Verein gegen Tierfabriken. Als weitere Experten fungierten zwei Tierärzte im Ruhestand und ein ehemaliger Professor der Veterinärmedizinischen Universität. Welche Qualifikation der Verein gegen Tierfabriken für den Abschuss von Wildtieren und die Eliminierung dreier Huftierarten mitbringt, will sich einem nicht so recht erschließen. Sei’s drum. Der Inhalt besagter „Vereinbarung“ wurde umgesetzt.

Totschlagargumente. Was waren die Argumente für diesen in der Geschichte des Lainzer Tiergartens beispiellosen Eingriff? Und einmalig in ihrer Radikalität sind die Maßnahmen von Magistratsabteilung 49 & Co. auf jeden Fall, wenn man bedenkt, dass Rothirsche seit hunderten von Jahren dort lebten, Damhirsche im 18. Jahrhundert und Mufflons um 1840 in den Tiergarten gelangten. Und dass sie ihren Lebensraum auch nicht nachhaltig schädigten, dafür sorgte schon ihre regelmäßige Bejagung  (Gergely / Prossinagg, Seite 43 ff.).* Im Gegensatz zur traditionellen, seit Jahrhunderten gut funktionierenden Regulierung (durch die Jagd) greift das moderne, sich zeitgemäß, also fundamentalökologisch gerierende ‚Wildtiermanagement‘ zum krassen Mittel der Eliminierung.

Starke Worte. „Der Lebensraum Lainzer Tiergarten ist für Rotwild ungeeignet“. Interessant. Das war Generationen von Förstern offenbar bisher entgangen. So ungeeignet war des Rotwilds Lebensraum, dass man regelmäßig Hirsche mit 600 Pfund (300 kg) Körpergewicht erlegte.* „Dam- und Muffelwild sind keine heimischen Wildarten.“ Man lernt nie aus. Ich dachte immer, Damhirsche lebten seit der Römerzeit, auf jeden Fall seit dem Mittelalter in unseren Breiten. Über Mufflons lese ich – aber die Autoren sind vermutlich Dilettanten – dass diese seit 1566, mit Sicherheit seit 1729, als Prinz Eugen einige Exemplare direkt aus ihrer Urheimat Sardinien importieren ließ, hierzulande vorkommen.* Wie man sich irren kann. Im ORF Interview vom 10.3.2018 rechtfertigt der Forstdirektor Andreas Januskovecz die Ausrottung damit, die betreffenden Tierarten seien „in Lainz nie heimisch gewesen“, deshalb sei dies „nicht ihr ökologisches Ausbreitungsgebiet.“

Das Sprechen über „ökologische Ausbreitungsgebiete“ suggeriert die Vorstellung einer heilen Welt, in der alles so ist, wie die Natur es vorgesehen hat. Abgesehen davon, dass man diesen Glauben an die Vorsehung von irgendwoher zu kennen meint … Wer definiert, was Natur ist, was ursprünglich ist? Ursprünglich wann? Um 1900? Im Spätmittelalter? - - - Am Ende des Mittelalters war der Wienerwald so verwüstet, dass man den Wald mit der Lupe suchen musste.

Die Realität. Bei einem stadtnahen Ausflugsgebiet mit jährlich mehr als 500.000 Besuchern und Besucherinnen – wie sinnvoll kann da die Rede von der ‚ursprünglichen Naturlandschaft‘ sein (einer Landschaft, in der nur Tiere leben, von denen wir glauben, dass sie das auch ohne menschliche Eingriffe zustande bringen)? Eine ‚ursprüngliche Naturlandschaft‘ mit asphaltierten Straßen und ausgebautem Wegenetz? Mit Rasthäusern, Wirtschaftsgebäuden, einem Schloss namens Hermesvilla? Würden wir das Argument einer ökologisch abgestimmten ‚Renaturierung‘ so verwenden wie die Urheber des Wildtiermanagements, wir hätten folgende weitere Schritte zu setzen:

Gedanken zum Abschluss. Als Anfang der 1970-er Jahre im Wiener Sternwartepark zahlreiche Bäume gefällt werden sollten, um an ihrer Stelle Gebäude zu errichten, gab es einen öffentlichen Aufschrei samt Volksabstimmung. Am Ende kostete das den Bürgermeister sein Amt, und der Gemeinderat erließ ein strenges Baumschutzgesetz. Bäume sind sichtbar, sie ragen in den Himmel. Wenn hingegen scheue Tiere des Waldes verschwinden, fällt das kaum auf. Trotzdem sind sie am Ende verschwunden.

Im kommenden zweiten Teil meiner Geschichten aus dem Wienerwald wird es um Naturschutz als dehnbaren Begriff gehen. Und um das Wiener Naturschutzgesetz.

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* Literatur: Thomas und Gabriele Gergely / Hermann Prossinagg: Vom Saugarten des Kaisers zum Tiergarten der Wiener. Die Geschichte des Lainzer Tiergartens – entdeckt in einem vergessenen Archiv. Böhlau Verlag: Wien – Köln – Weimar 1993

** Links: Tiergarten 1; Tiergarten 2

Fortsetzung von BLOG # 2 vom 11. Oktober 2022: „Eine Reise in den Sudan“

„Sand, Sand und nochmals Sand …“ Wir sitzen mit fünf Wildhütern, doppelt so vielen Gewehren, Munitionskisten, Lebensmittelsäcken, Benzin- und Wasserkanistern hoch oben auf dem gefährlich überladenen Unimog, der sich durch den lockeren Boden wühlt. Es geht zur äthiopischen Grenze, in den Dinder Nationalpark, wo die Männer ihren Dienst antreten sollen. Dank der schönen Augen, die ihnen meine Begleiterin macht, hat uns die Crew ein luftiges Plätzchen auf dem schwankenden Gefährt angeboten. Dafür wird mir dann gleich eines der deutschen Mauser-Gewehre (aus alten Wehrmachtsbeständen?) in die Hand gedrückt, wenn wieder mal alle absitzen, um den im Sand feststeckenden Unimog frei zu kriegen. Je weiter es in die Berge geht, desto dichter wird die Vegetation – allein, Brehm’sche Ausmaße erreicht sie nicht.

Urwald am Weißen Nil zu Brehms Zeiten (Brehm: Reisen, Seite 220)

„Die im Osten des Landes gelegenen Forste sind in erster Linie Brennholz- und Bau-Derbstangen-Lieferanten für die dichtbesiedelten waldlosen Gebiete des mittleren und nördlichen Sudans; die wichtigsten Einschlagsgebiete sind die Wälder am Dinder, Rahad und Blauen Nil“, wie mein Reiseführer trocken bemerkt.* Das sah man diesen ‚Wäldern‘ schon damals an. Heute, fünfzig Jahre später, sind sie praktisch verschwunden. Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang nicht ganz dumm, einen Blick auf die Demographie des Landes zu werfen.

Zwischen dieser Entwicklung lagen vier Militärputsche (1985, 1989, 2019, 2021), ein Bürgerkrieg (2003–2008) und der Unabhängigkeitskrieg des Südsudan (1983–2005).

Die 1970-er: Modern Times und Familienleben im Sudan ( © M. Tomaschek)

Der Dinder Nationalpark war damals für seinen erstaunlichen Wildreichtum bekannt. Den Löwen, der die ganze Nacht in nächster Nähe unserer Hütte gebrüllt hatte, erblickten wir zwar nur flüchtig, bevor er mit seiner Löwin im hohen Gras verschwand, dafür sahen wir jede Menge Riedböcke (Redunca redunca), des Löwen Lieblingsbeute. Von den guten Beständen an Pferdeantilopen (Hippotragus equinus) war uns berichtet worden, wir konnten auch ein paar der stattlichen Tiere bewundern, selbst die eine oder andere Tora-Kuhantilope (Alcelaphus buselaphus tora) kreuzte unseren Weg. Eine amerikanische Biologin hatte, als wir im Park eintrafen, eben ihre Verhaltensstudie an dieser fabelhaften Wildart abgeschlossen.

Heute steht Alcelaphus buselaphus tora als ‚critically endangered‘ auf der Roten Liste; im Sudan ist sie ausgerottet. Ebenfalls verschwunden ist die Nubien-Giraffe (Giraffa camelopardalis camelopardalis), die Nominalform der Art, von der wir 1978 einen kleinen Trupp in weiter Ferne beobachten konnten. Die Tiere waren sehr scheu – und das wohl aus gutem Grund. Ausgerottet sind auch die interessanten Soemmerringgazellen (Nanger [Gazella] soemmerringii), die sich schon auf altägyptischen Reliefs abgebildet finden und in den 1970-ern zwischen Dinder und Atbara in Herden von einigen tausend Stück vorkamen.

Den heutigen Zustand des Dinder Parks findet man im Netz so beschrieben: „Giraffen und Elefanten sind durch Wilderei und mangelnde Habitate ausgestorben … Die Löwen im Park sind scheu und daher schwierig zu beobachten. In einer Studie des Jahres 2019 wurden … etwa 30 – 80 Löwen im Kerngebiet des Nationalparks ermittelt … Der Druck, der von der Bevölkerung der Umgebung des Parks ausgeht, ist groß … und der Park bietet einen relativ einfachen Weg, um das Einkommen aufzubessern.“**

Geben wir der Wahrheit die Ehre: Aus dem benachbarten Äthiopien kommen neuerdings wieder Elefanten in den Park. Immerhin ein halbwegs versöhnlicher Abschluss für einen historischen Reise- und Rechenschaftsbericht … Wer jetzt die Augenbrauen hochzieht, dem sei die Lektüre meines nächsten ‚Selbstgesprächs mit Lesern‘ empfohlen. Darin wird es um das Verschwindenlassen dreier prächtiger Tierarten aus einem mitteleuropäischen Naturschutzgebiet gehen. Details folgen!

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* Literatur: Klett Handbuch für Reise und Wirtschaft: Afrika II. Nord- und Ostafrika. Ernst Klett Verlag: Stuttgart 1973 (2. Auflage); Alfred Edmund Brehm: Reisen im Sudan 1847 bis 1852. Herausgegeben, bearbeitet und eingeleitet von Helmut Arndt. Tübingen – Basel 1975

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