Siehe auch BLOG # 10 vom 1. Dezember 2022: „Lehren aus Sharm el-Sheikh – oder Wie man der Welt-Allmende wirklich helfen kann“; sowie BLOG # 11 vom 2. Dezember 2022: „Lehren aus Sharm el-Sheikh – oder Wie man der Welt-Allmende wirklich helfen kann, Teil 2“.

In unserer gegenwärtigen Weltordnung hat nur dasjenige einen Wert, erfreut sich nur dasjenige eines Rechts auf Schutz und Schonung, was „jemandem gehört“. Wobei Letzteres noch weiter präzisiert werden muss: Dass mir „etwas gehört“, darf ich, genau genommen, nur behaupten, wenn ich der Eigentümer dieses ‚Etwas‘ bin; etwas bloß zu besitzen reicht nicht aus, um vor dem Hohen Gericht der kapitalistischen Ordnung zu bestehen. Das zeigen die unzählbaren Fälle einer rücksichts- und sanktionslosen Enteignung von Besitzern vermeintlich ‚herrenloser‘ Güter, wie sie uns als Geschichte einer sogenannten Zivilisation vulgo Eroberergesellschaft bis zum Abwinken überliefert worden sind.

„Ja, aber es wäre doch schön, wenn Menschen das Seiende bedingungslos wertschätzten und respektierten – gewissermaßen als es selbst!“ – „Genau: es wäre schön …“ Wovon das imaginäre Zwiegespräch handelt, ist exakt unser Thema – die Allmende, etwas, das ‚allen‘ gehört und daher von ‚allen‘ respektiert zu werden hat. Nimmt man den Begriff ernst, denkt man also beim Wort „alle“ tatsächlich an alle Menschen – an die Menschheit, wenn der pathetische Ausdruck gestattet ist –, dann landet man unweigerlich dort, wovon mein heutiger Beitrag handelt: bei der Welt-Allmende. Ein großes Wort – das uns eine Menge Arbeit macht. Definitionsarbeit, versteht sich.

Die Welt-Allmende, ein Definitionsversuch. Die geneigte Leserin, der geduldige Leser mögen mir gestatten, den Eingangs gesponnenen Gedankenfaden wieder aufzunehmen und zu fragen, was man damit meint, wenn man sagt, etwas sei ein herrenloses Gut. Niemandem zu gehören kann ja per se nicht schlecht sein – haben wir doch gelernt, dass Unabhängigkeit ein Synonym sei für Freiheit. Was aber, wenn es sich dabei um eine ganz spezielle Spielart von ‚Freiheit‘ handelt – um Vogelfreiheit? Das gute deutsche Wort bezeichnet eine Freiheit, die dem Vogel, der sie hat, alles andere als Glück bringt. Es meint das Recht jedes Beliebigen, besagten ‚freien Vogel‘ zu verfolgen, zu fangen und nach Lust und Laune zu behandeln, in letzter Instanz: zu töten. Dieser ‚freie Vogel‘ war zu Zeiten, als das Wort entstand, ein echter Vertreter unseres Untersuchungsgegenstandes. Er war eine typische Allmende.

Ein erster Schluss könnte lauten – und tatsächlich wurde er auch massenhaft gezogen: Was niemandem gehört, ist vogelfrei, sprich zu jedermanns sanktionsloser Verfügung. Was niemandem gehört, gehört also nur theoretisch allen, praktisch demjenigen, der schnell genug ist, den freien Vogel allen anderen wegzuschnappen.

„Wie ärgerlich ist das denn! Was allen gehört, gibt es in Wirklichkeit gar nicht? Nur der Möglichkeit nach? …“ – „Du sagst es … und bist damit in bester Gesellschaft. In Gesellschaft jener nämlich, die schon immer behauptet haben, die Allmende sei eine haltlose Vorstufe zu dem, was einzig Bestand hat: Privateigentum.“* – „Es sei denn, wir weisen den Verfechtern des Privateigentums nach, dass sie selbst gar nicht wollen können, was sie als Idealzustand behaupten: dass jedes Phänomen von Wert, um von Bestand zu sein, einen Eigentümer haben muss.“ – „Du denkst an die Luft zum Atmen?“ – „Zum Beispiel.

Drei Bereiche, die keinem Einzelnen gehören dürfen, wenn sie ihrer Bestimmung gerecht werden sollen. So könnte es Kant formuliert haben. Wir anderen, eher pragmatisch Denkenden, reimen uns die drei kritischen Bereiche aus der Lebenserfahrung zusammen (mit Hilfe des Gesunden Menschenverstandes). Dass die Aufzählung vollständig sei, behaupten wir freilich nicht.

Das gilt auch hinsichtlich der Schönheit von Natur. Nicht nur weil sie Fischstäbchen liefern, sind die Meere unser aller Erbteil (was schon wieder pathetisch formuliert, deswegen aber nicht falsch ist). Und Wale, die größten Lebewesen, welche jemals auf dem Blauen Planeten gelebt haben, sollten überhaupt keinem Nützlichkeitskalkül unterliegen; sie sind – mit Kant zu reden – erhaben; grandiose Vertreter dessen, was der Philosoph aus Königsberg das „Naturschöne“ genannt hat. Dass Zugvögel (und andere wildlebende Tiere) schon per definitionem kein Privateigentum sein können, scheint zwar akzeptiert, und die Öffentlichkeit in Gestalt des Staates zeigt hier mit mehr oder weniger großem Nachdruck Verantwortungsbewusstsein … Allerdings, eine echte Welt-Allmende sind sie nicht.** Auch das sogenannte Weltnaturerbe der UNESCO „tut ja nur so, als ob“. Mangels gesetzlichen Durchgriffsrechts nämlich.

Nachsatz und Resümee. Die hybriden Formen des Umgangs mit Natur, wie sie dem Menschen in die Wiege gelegt zu sein scheinen – Ergebnis ist ein Kultur- respektive Naturgegenstand zweiter Ordnung – erlauben es, Kunstschönes und Naturschönes in einem Atemzug zu nennen. Kunstschönes und Naturschönes sind die beiden Seiten ein- und derselben Medaille. Ein Text in zwei Sprachen, die sich ständig ineinander übersetzen.

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*Literatur:

Garrett Hardin: The Tragedy of the Commons. In: Science 13 Dec 1968, Vol. 162, Issue 3859, 1243–1248;

Elinor Ostrom: Governing the Commons. The Evolution of Institutions for Collective Action. Cambridge University Press: Cambridge – New York – Melbourne – Madrid – Kapstadt 1990

** Anmerkung:

Wie weit man noch davon entfernt ist, den natürlichen Reichtum als Welt-Allmende zu verstehen – geschweige denn sich zu durchschlagskräftigen Maßnahmen aufzuraffen –, zeigt ein Blick in unseren eigenen europäisch-mediterranen Vorgarten. Nicht nur stehen „Neptuns Gärten“ selbst durch Küstenverbauung, Meeresverschmutzung und Überfischung unter größtem Druck, auch im Luftraum darüber und an seinen Gestaden ist das Mittelmeer Schauplatz einer rücksichtslosen, nein: ruchlosen Plünderung. Plünderung dessen, was mit Fug und Recht eine Welt-Allmende genannt zu werden verdiente … und wenn nicht das, dann doch Allmende der Europäerinnen und Europäer. Vor den Augen besagter Europäerinnen und Europäer werden von Geschäftemachern und ihren sich selbst wohl zu ‚armen Hungerleidern‘ hochstilisierenden sogenannten ‚Jägern‘ in Malta, Zypern, Syrien, Libanon und Ägypten jährlich mindestens 25 Millionen Zugvögel illegal geschossenen oder gefangen.

Links: Vogelfänger 1; Vogelfänger 2; Vogelfänger 3

Siehe auch BLOG # 17 vom 5. Januar 2023: Botanische Weltenbummler: Pflanzen & Weltsysteme

In der letzten Einheit vor den Weihnachtsferien stellten mir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer meines Proseminars eine jener Fragen, die man gemeinhin als ‚Gretchenfrage‘ bezeichnet – in diesem Fall war es die Frage nach dem ‚Weltsystem‘ (verstanden als wissenschaftlicher Begriff und als historische Realität). Im vorigen Beitrag (siehe oben) habe ich mich dieser Aufgabe nach bestem Wissen und Gewissen angenommen; das komplexe Thema konnte ich freilich nur holzschnittartig grob skizzieren. So seien an dieser Stelle ein paar zusätzliche Überlegungen angefügt, und was zuletzt vielleicht ein wenig zu kurz kam – die ÖKOLOGISCHEN IMPLIKATIONEN von Weltsystem und Globalisierung – , soll jetzt im Focus stehen.

Europas Wälder sind noch nicht fertig. Europa als Kontinent war nach den Eiszeiten ökologisch 'leergeräumt'. Im Gegensatz zu Nordamerika, wo die großen Gebirgszüge in Nord-Süd-Richtung verlaufen, bildeten die grosso modo ost-westlich ausgerichteten Gebirgszüge des Alten Kontinents (Karpaten, Balkangebirge, Alpen, Pyrenäen ...) für Pflanzen, die dem nach Süden vorrückenden Eis ausweichen wollten, unüberwindliche Sperrriegel – sie starben aus. Umgekehrt war die Besiedlung von Süden her aus demselben Grund ebenfalls stark erschwert, sodass am Ende der Eiszeit die Wiederbewaldung Mittel- und Westeuropas nur mit einigen wenigen Arten erfolgte. Fazit: Bis heute weisen mittel- und westeuropäische Wälder signifikant weniger Arten auf als vergleichbare Wälder Nordamerikas.

Da kommt die Globalisierung, kommen die beiden Weltsysteme ins Spiel. In diesen Systemen – dem vormodernen des 13. Jahrhunderts und dem modernen ab dem 16. Jahrhundert, das auch heute noch seine Wirksamkeit entfaltet (und zwar mehr denn je) – bewirkte die erhöhte Kommunikation zwischen den Erdteilen, dass sich in einem Aufholprozess ohnegleichen jetzt auch Europas Pflanzenwelt langsam aber stetig der Artenfülle nähert, wie sie vor den Eiszeiten geherrscht hatte (und in Fernost oder Amerika nie verschwunden war).

Eine Pflanzengemeinschaft holt auf. Vor den letzten großen Eiszeiten wuchsen in Europas Wäldern außer den heute vorkommenden Spezies – um hier vom ehemaligen Artenreichtum nur eine kleine Andeutung zu geben – Ginkgo (Ginkgo biloba), Blauglockenbaum (Paulownia tomentosa), Trompetenbaum (Catalpa) und Götterbaum (Ailanthus altissima); sowie verschiedene Palmenarten. Dieser Zustand stellt sich seit dem 13. Jahrhundert und vermehrt seit dem 16. Jahrhundert mit Hilfe des Menschen und dessen globaler Tätigkeit, Kommunikation und Reiselust langsam wieder her.

Die agrarwirtschaftliche Seite der botanischen Globalisierung im modernen Weltsystem © G. Liedl

Nochmals der Wald. In aufsteigender Reihe erinnern Buche und Tanne (sie kamen im Neolithikum, während der Kupfer-, Bronze- und Eisenzeit nach Mittel- und Westeuropa), Walnuss, Edelkastanie, Quitte, Holzbirne und Wildkirsche (Römerzeit bis Hochmittelalter), Rosskastanie, Flieder, Mannaesche, Ailanthus, Sommerflieder und Robinie, Roteiche, Douglasie, Sitkafichte und Kanadapappel (Zuwanderer der Neuzeit) an die prinzipiell noch immer nicht abgeschlossene florale Wiederbesiedlung Europas nach dem Ende der Eiszeit. Sie erinnern uns daran, dass die ehemalige Artenvielfalt noch nicht wiederhergestellt ist und die Neuankömmlinge gewissermaßen nur einen prähistorischen Auftrag erfüllen.*

Nachsatz für Botaniker, Ökologen oder Naturschützer, die sich wegen der ‚Neuen‘ um die Artenvielfalt unter den ‚Alten‘ Sorgen machen: Keine einzige ursprüngliche Art ist bisher wegen einer später hinzu gekommenen verschwunden.

Die noch nicht gefüllte Nische. Wenn sich aus der Waldgeschichte Mittel- und Westeuropas nach rund 10.000 Jahren Wiederbesiedlung eine Schlussfolgerung ziehen lässt, dann vielleicht die folgende. Man nehme den Fall, dass es einer ehemals „ortsfremden“ Art gelungen ist, nachhaltig stabile Populationen auszubilden, ohne die vorgefundene Artenzahl zu vermindern. Dies könnte ein sicheres Indiz dafür sein, dass die Nische, in welcher solch neues Leben fußgefasst hat, vorher unterbesetzt war. Anders gesagt – in einer solchen schwach besetzten Nische wird mit großer Wahrscheinlichkeit niemandem essentiell etwas weggenommen, jedenfalls solange nicht, bis das Areal tatsächlich optimal (also vollständig) ausgenützt ist. Neobiota, die sich erfolgreich etablieren konnten, haben den Raum, in dem sie vorkommen, nicht gewaltsam frei gemacht (wie das fundamentalökologische Vorurteil lautet), sondern sind Anzeichen dafür, „dass dort noch Platz war“. Die Regel, nach welcher die später Kommenden offenbar handeln, geht so: Der, welcher in ein bereits bewohntes Haus neu einzieht, benötigt weniger Platz als jener, der das Haus ursprünglich für sich geplant und gebaut hatte. Not macht erfinderisch, Konkurrenz belebt das Geschäft.

Übrigens … Der Klimawandel unterstützt diesen ökologischen Bereicherungsprozess zusätzlich. Auch das muss einmal gesagt sein...

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* Literatur: Hansjörg Küster: Geschichte des Waldes. Von der Urzeit bis zur Gegenwart. München 2003; Hansjörg Küster: Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa – von der Eiszeit bis zur Gegenwart. 4., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. München 2010

„Botanische Weltenbummler“ – was soll das sein? Sind das kosmopolitische Botaniker? Oder Pflanzen, die um die halbe Welt gereist sind, um an ihren Standort zu gelangen? Wenn man Berichten aus früherer Zeit (als es noch Abenteuer gab) Glauben schenken darf, offensichtlich beides:

„Im Zeitalter wunderbarer Entdeckungen [… haben wir] die Geheimnisse der Natur enthüllt und erforscht; eine neue Physiologie ward eingeführt. Es ist ein Zeitalter täglicher Fortschritte in allen Wissenschaften, vor allem in der Pflanzengeschichte. Zu diesem Zweck haben nicht nur Privatleute, sondern auch Fürsten und Großgrundbesitzer viel Energie darauf verwandt, neue Blumen für ihre Parks und Lustgärten zu finden, und zu diesem Zweck Pflanzenjäger ins fernste Indien entsandt: Diese haben Gebirge und Täler durchstreift, Wälder und Ebenen, jeden Winkel der Erde durchforscht und alles, was verborgen war, ans Licht und vor Augen gebracht.“

So der englische Pflanzenforscher John Ray im Jahr 1690 (zitiert bei Pavord 2010, Seite 419).* And rightly so. Wenn wir uns heute die Botanischen Gärten der Städte und Metropolen mit ihrer Pflanzenvielfalt ansehen; wenn wir die Bewegungen auf den Getreide- und Rohstoffbörsen der Welt studieren; bei jedem Gang durch den Supermarkt; im Restaurant, beim sprichwörtlichen Italiener, Chinesen, Inder … Wir werden den Ergebnissen obgenannter Reisen besagter ‚Pflanzenjäger‘ begegnen, und sei es auch nur als Ingredienzien eines köstlichen Risotto oder schmackhaften Chilli. Nur wenig Übertreibung steckt in der Behauptung, dass es keine Nahrungs-, Gewürz- oder Industriepflanze unserer Welt gibt, die nicht schon im letzten Dorf des hintersten Winkels eben dieser Welt vorbeigeschaut hätte. Ganz zu schweigen von jenen, die gekommen sind, um zu bleiben. 

Weltsystem. Dass das ganze irgendwie mit Globalgeschichte zu tun hat, ist eine naheliegende Vermutung. Die denn auch gleich einen weiteren Begriff ins Spiel bringt: Weltsystem. Dieses ist ein „vom amerikanischen Soziologen Immanuel Wallerstein vorgelegtes Konzept, […] welches die traditionellen, früher wirtschaftlich und politisch unabhängigen Gesellschaften immer mehr integriert. […] Das Weltsystem […] expandierte im Zuge der Industrialisierung und des Kolonialismus […] in andere Kontinente“ (Lexikon der Geographie, Eintrag ‚Weltsystem‘).**

Das aber ist erst die halbe Wahrheit. Denn jenes Weltsystem als Voraussetzung für Austausch und Transfer – ob, wie von Wallerstein postuliert, einseitig-übervorteilend oder doch eher gleichgestellt-symmetrisch, sei vorerst dahingestellt – gab es, wenn die Quellen nicht lügen und die historischen Anzeichen nicht trügen, schon früher. Um genau zu sein, rund 300 Jahre vor jenen Ereignissen, die als Industrialisierung und Kolonialisierung bezeichnet werden. Manche sehen in diesem Prozess sogar die ‚Europäisierung (der Welt)‘.

Es begann im Mittelalter. Anders lagen die Dinge im Fall des ‚ersten‘, des vormodernen Weltsystems. Bereits im 13. Jahrhundert existierte ein großer transkontinentaler Bereich, wirtschaftspolitisch zusammengehalten von zwei – nennen wir sie ruhig weltumspannenden – Handelsrouten: Ein System von Landverbindungen im Norden, ein weiteres, maritimes System im Süden. Zusammen bildeten sie einen geschlossenen Kreislauf „von Flandern nach Fernost“, einen geschlossenen Geld-Waren-Kreislauf, der zahlreiche europäische, asiatische und afrikanische Untersysteme dauerhaft miteinander verband.

Die vormodernen Subsysteme: 1 = Europa (Handelsstädte, Feudalstaaten, Italien: Seestädte); 2 = Mongolen; 3 = Fernost; 4 = Vorder- und Hinterindien, Inselindien; 5 = Islamische Staatenwelt; 6 = Sudan- und Sahelstaaten; 7 = Nubien, Äthiopien; 8 = Reich von Monomotapa

Demnach verbindet bereits im 13. Jahrhundert ein System aus regionalen und überregionalen Handelskreisläufen, die einander überlappen, Wirtschaftsräume über Tausende Kilometer hinweg. Gemeinsam stiften diese ‚circuits‘, wie die Sozial- und Wirtschaftshistorikerin Janet Abu-Lughod sie nennt,* einen größeren Zusammenhang, der sich wirtschaftlich-kulturell, aber auch politisch artikuliert und die damals bekannte Welt in einem bis dahin unbekannten Ausmaß geeint erscheinen lässt. Von Flandern, Südengland, dem Rheinland und den Märkten der Champagne im Westen bis ins ferne China reicht diese Welt, verbunden durch regelmäßige, beständige und intensive Handelsbeziehungen. Diesen mittelalterlichen transkontinentalen Austausch mag man – oder mag man nicht – eine erste, eine vormoderne Globalisierung nennen.

Pflanzen (und Tiere) von Ost nach West. Nochmals unser Risotto: Dass wir dieses typisch italienische Gericht in jeder besseren Trattoria zu uns nehmen können (wie übrigens auch die famose Paella beim Spanier um die Ecke), verdanken wir – erraten: dem mittelalterlichen Weltsystem. Durch Vermittlung islamischer Agrarexperten in den Westen gebracht wurden der Reis und die Baumwolle, die Zitruspflanzen und die Dattelpalme (heute in Südspanien und auf Kreta zu bewundern), nebst verschiedenen Gemüsesorten, Gewürz- und Heilkräutern. Sogar die Banane wurde den mediterran-europäischen Klimaverhältnissen angepasst. Importiert und akklimatisiert wurden auch ertragreiche Hirsearten und das Zuckerrohr. Ebenfalls im Mittelalter gelangte durch Vermittlung islamischer Spezialisten die als Futterpflanze unschlagbare Luzerne (Medicago sativa L.) sowie der Alexandrinerklee nach Europa. Die spanische Bezeichnung der Luzerne, Alfalfa, erinnert sprachlich an die arabische Herkunft dieser wichtigen Nutzpflanze, über die in der Fachliteratur zu lesen ist, dass sie die wichtigste Futterpflanze in trocken-heißen Gebieten sei.

© G.Liedl

Auch wenn es nicht ganz hierher gehört – das Thema Tierleben sei zumindest angerissen. So kannte man in Europa vor der islamischen Ära den Wasserbüffel nicht. Der Lieferant der unvergleichlichen echten Mozzarella, die aus Büffelmilch gemacht wird, ist heute in Süditalien und auf Sizilien heimisch, aber auch auf dem Balkan und in Ungarn, wohin ihn am Beginn der Neuzeit die Osmanen brachten. Die europäische Pferdezucht verdankt ihre edelsten Rassen ebenfalls diesem mittelalterlichen Ost-West-Transfer. Und das Merinoschaf, das beste Wollschaf der Welt würde ohne seine ersten Züchter aus dem Hohen Atlas auch nicht existieren. Genauso wenig wie die feine Wolle der Angoraziege Anatoliens ohne den Ost-West-Transfer durch islamisierte Turkstämme der heutigen Textilindustrie zur Verfügung stünde.

Modern Times. Was im Mittelalter begann, setzte sich in der Neuzeit fort – auf wesentlich höherem Niveau und mit ungleich nachhaltigeren Folgen; um nicht zu sagen: Mit ungleich eindrücklicherem Erfolg. Ökonomische Interessen stehen dabei im Vordergrund, sind aber nicht die einzige Antriebskraft für expansives Verhalten; Wissen und Wissenserwerb spielen eine nicht weniger bedeutende Rolle. Die nun anbrechende Zeit der Aufklärer, Physiokraten, Naturwissenschaftler und Philosophen spiegelt ideologisch wider, was sich ökonomisch und politisch auf den Weltmeeren ereignet. Den neuen Kurs, den europäische Schiffe in immer größerer Zahl über immer besser erforschte Meere nehmen, um immer größere Mengen an erlesener Fracht aus exotischen Gegenden in ihre Heimathäfen zu bringen, kann man mit den neuen Diskursen vergleichen, die in besagten Heimathäfen geführt werden: Diskurse, in denen die Biologie in Gärten und Menagerien voller interessanter, weitgereister Gestalten, Objekte eines unermüdlichen Pflanzen- und Tiertransfers, erörtert wird.

Vormodernes und modernes Weltsystem. Einen entscheidenden Unterschied zwischen vormodernem und modernem Weltsystem gibt es jedoch; nämlich die Tatsache, dass im vormodernen System die einzelnen Teile und Player sozusagen auf Augenhöhe mit einander verkehrten, wohingegen das moderne System eine schiefe Ebene bildet, an deren oberer Kante die Player (West-) Europas stehen; sie bilden gemeinsam, aber auch untereinander rivalisierend, das Zentrum, um hier den Ausdruck zu verwenden, den auch Wallerstein benützt.**

Das schlägt sich sogar in der Art und Weise nieder, wie die Systeme ihre Tier- und Pflanzentransfers durchführten. Dabei fällt als Hauptunterschied die Verbreitungsrichtung auf: Im Mittelalter gab es eine klar erkennbare Ost- Westachse; diese bildet die prinzipielle Gleichwertigkeit von Sender (Ost) und Empfänger (West) während der Blüte des vormodernen Weltsystems ab. Aus dem Westen kommt das im Osten hochbegehrte Edelmetall, meist Silber; aus dem Osten das jeweilige Äquivalent in Gestalt der nachgefragten Waren, in unserem Falle neuartige, hochproduktive Pflanzen samt dazu gehöriger elaborierter Agrartechnik.

Dass in der Neuzeit dann die Verteilung der transferierten Pflanzen (Mais, Tomate, Kartoffel; Zuckerrohr, Baumwolle, Kaffee; Soja, die Ölpalme, der Kautschukbaum) und Tiere (Pferd, Rind, Schwein, Schaf; Jagdwild wie Rot- und Damhirsch ... um nur die wichtigsten zu nennen) in alle Richtungen geht – ein Prozess, der bis heute anhält –, lässt sich verblüffend einfach mit der ebenfalls sämtliche Erdteile umfassenden, vom ‚Zentrum‘ Europa aus gesteuerten Kolonisierung der Welt, ihrer Unterwerfung unter ein einziges dominantes Kalkül erklären. Industrialisierung – der agro-industrielle Komplex – hat mit der europäischen Expansion das gemeinsam, dass er von einem Quasi-Punkt ausgehend, in sozusagen konzentrischen Kreisen das größere Ganze durchdringt, bis – zumindest in der Theorie – sämtliche Punkte dieses Ganzen erreicht sind und überall eine einheitliche Qualität hergestellt ist.

Wie war das doch gleich mit den kosmopolitischen Reisenden und ihren Produkten? Zwar soll man sich nicht selbst zitieren … dennoch: Nur wenig Übertreibung steckt in der Behauptung, dass es keine Nahrungs-, Gewürz- oder Industriepflanze unserer Welt gibt, die nicht schon mal im letzten Dorf des hintersten Tals vorbeigeschaut hätte.

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* Literatur:

Janet L. Abu-Lughod: Before European Hegemony. The World System A.D. 1250–1350. New York-Oxford 1989;

Richard H. Grove: Green Imperialism. Colonial Expansion, Tropical Island Edens and the Origins of Environmentalism, 1600–1860. Cambridge 1997;

Anna Pavord: Wie die Pflanzen zu ihren Namen kamen. Eine Kulturgeschichte der Botanik. Berlin 2010;

Pirmin Suter: Pflanzen, Botschafter der Globalisierung. In: Gottfried Liedl | Manfred Rosenberger (Hg.): Ökologiegeschichte. Band 2: Zeiten und Räume (Halbband 2.2: Naturdinge, Kulturtechniken). Turia und Kant: Wien – Berlin 2017, 11–32

Empfehlenswerte (noch) unveröffentlichte Beiträge zum Thema ‚Pflanzentransfer‘:

Sarah Abdul Kader: Die Dattelpalme und ihre Globalisierung: Zwischen Symbolik und Verbreitung. BA-Proseminararbeit, Sommersemester 2020 | Universität Wien: Wien 2020 [Unveröffentlichtes Typoskript]
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Anton Büchel: Das Erbe Al-Andalus' auf der Iberischen Halbinsel mit besonderer Berücksichtigung von Zitrus- und Palmenkultivierung. Geschichtswissenschaftliche Arbeitstechniken und Archivkunde, Sommersemester 2013 | Universität Wien: Wien 2013 [Unveröffentlichtes Typoskript]
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David Kaufmann: Quellen der Irrigationssysteme in al-Andalus. Islamische und prä-islamische Perspektiven. BA-Proseminararbeit, Wintersemester 2021 | Universität Wien: Wien 2022 [Unveröffentlichtes Typoskript]
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Tobias Mairhofer: Herrschaft, Ökonomie, Botanik: Ein Modell für die Nutzung von Botanik als Impulsgeber in der Landwirtschaft im Emirat Granada. Abschlussarbeit, Seminar „Frühmoderne im Islam. Die Landwirtschaft in der islamischen Welt. 8. - 16. Jh.“, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien (Sommersemester 2018). Wien 2018 [Unveröffentlichtes Typoskript]  
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Caroline Schnur: Avocado – der heißumkämpfte „Smaragd“ Mexikos. Ökologische und soziale Folgen einer Agrarproduktion im Zwiespalt zwischen exhaustiver Landnutzung und blutigem Drogenkrieg. Abschlussarbeit, Proseminar „Europäische Expansion | Ökologie | Globalisierung“, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien (Wintersemester 2018|19). Wien 2019 [Unveröffentlichtes Typoskript]  
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Andjelo Smoljo: Die Entwicklung von Globalisierung, Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Abschlussarbeit, Seminar „Umwelt- und Agrargeschichte aus globalhistorischer Sicht“, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien (Wintersemester 2018|19). Wien 2019 [Unveröffentlichtes Typoskript]  
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** Lexikon der Geographie: Weltsystem

Wieviele Stadtmenschen teilen sich einen Baum? Zahlen lügen nicht, sagt man. In Wien führen derzeit (Waldbäume im Lainzer Tiergarten, im Prater und in der Lobau nicht eingerechnet) rund 190.000 Straßenbäume aus 400 Arten ihr mehr oder weniger strapaziöses respektive komfortables Dasein – da kommt auf 10 Leute ein Baum. Das klingt schon mal ganz gut. Noch besser stehen die Dinge zwischen Elbe und Alster – nur 7 Stadtmenschen teilen sich in Hamburg einen Stadtbaum – und an der Spree: ein Baum ‚gehört‘ gerade mal 5 Berlinerinnen und Berlinern. Urbanes Leben unter Bäumen scheint ein realistisches Szenario zu sein.

Die Ältesten und Größten. „Stadtluft macht frei.“ Für Bäume müsste es heißen: Städtischer Boden macht groß. Zumindest wenn man im Süden lebt. Überall rund ums Mittelmeer – von Haus aus nicht unbedingt eine Gegend, wo man als Baum sein möchte – geht es Bäumen in den Städten gut. Überall zwischen Barcelona und Rom, Marseille und Athen, Palermo und Istanbul, ja sogar in Kairo werden Bäume – Hitzestress hin oder her – richtig groß, viel höher und mächtiger als ihre Vettern und Cousinen auf dem Lande. Der größte Banyan-Feigenbaum außerhalb Indiens wächst in Sevilla; um die Ehre, die älteste Platane der Welt zu beherbergen, streiten sich (nur so als Beispiel) zwei Orte in der Ägäis: Krassi auf Kreta mit einem 2.400 Jahre alten Exemplar und Kos auf der gleichnamigen Insel mit der sogenannten ‚Platane des Hippokrates‘.

Paradiesische Zustände im Verborgenen. Des Rätsels Lösung liegt unter dem Pflaster. Städtischer Boden ist zwar versiegelt, dem Pflanzenwachstum tut das keinen Abbruch. Es stimmt schon – Bäume in der Stadt gibt es noch nicht so lange. Erst mit dem Wachstum der Städte zu Riesengebilden stellte sich die Frage nach städtischem Grün. Stadtbäume führten Jahrhunderte lang ein eher bescheidenes Dasein auf Plätzen oder vor wenigen ausgewählten Gebäuden. Mit der Moderne änderte sich das. Und je länger die Wasser- und Abwasserrohre im Boden liegen (und das tun sie in der Regel seit dem 19. Jahrhundert, als der urbane Mensch anfing, hygienisch zu werden), desto besser ist das für Bruder Baum. Aus den undichten Verbindungsstücken sickert das kostbare Nass; aus anderen Rohren kommt Düngung gratis hinzu.

Schöner leben. Wir sagten es bereits. Stadtbaumarten – die typischen Straßen-, Allee- oder Schattenbäume, die Bäume der Höfe und Hinterhöfe – werden im urbanen Raum größer als dort, wo sie ursprünglich wuchsen. Ökologisch ähneln Städte mit ihren Mauern, hohen Gebäuden und engen Straßenschluchten trocken-heißen Gebirgsgegenden und Felslandschaften. Das engt den Kreis der Kandidaten ein. Im Süden, aber dank Klimawandel zunehmend auch nördlich der Alpen, werden das subtropische bis tropische Arten sein. Denen kommen windgeschützte Plätze und Wärme speichernde Mauern gerade recht.

Nirgendwo im mediterranen Süden werden die Bäume höher und schöner als in den Städten; man könnte meinen, sie hätten sich der Mittelmeerwelt – ihrer von alters her durch und durch urbanen Kultur – auch in dieser Hinsicht angepasst. Wenn es Winter wird, bleibt es zwischen Mauern verhältnismäßig mild. Und im Sommer sind die Umstände trotz Hitze immer noch weniger harsch als draußen auf freiem Feld. Wie der mediterrane Mensch ist auch der mediterrane Baum begeisterter Städter.

P.S. Schon wahr … auch in den Städten ist nicht alles Gold, was glänzt; aber Baumkrankheiten, Schädlingsbefall und Hitzestress sind Themen, die uns im Moment nicht übermäßig interessieren und die wir gern den Zuständigen überlassen: Stadtgärtnern und deren behördlich-botanischen Assistenten. Wen’s dennoch interessiert – Netz und Bibliotheken stellen massenhaft zielführende Einträge und praktische Belehrungen zur Verfügung. Lieber sprächen wir über Fragen der Resilienz und die Rolle nicht einheimischer Baumarten; über Stadt- und Straßenbäume im Klimawandel; über das, wie es stolz genannt wird, „klimafitte Wiener Straßenbaum-Sortiment“; oder darüber, was Bäume mit dem Schwammstadt-Prinzip zu tun haben.* Über die Geschichte der Stadtbegrünung und die Zukunft der Stadtbäume** wird’s vielleicht  demnächst einen eigenen Blog geben – mal sehen.

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* Links:

Exotische Stadtbaumarten; Straßenbaum, Stadtbaum; Stadtbäume im Klimawandel; Klimafittes Wiener Baumsortiment; Schwammstadt-Prinzip; Stadtbäume der Zukunft

** Literatur:

Conrad Amber: Bäume auf die Dächer – Wälder in die Stadt! Projekte und Visionen eines Naturdenkers. Verlag Frankh-Kosmos: Stuttgart 2017

Ich gebe es ja zu – als ich zum ersten Mal von jenem deutschen Schüler hörte, der mit neun Jahren beschloss, dafür zu sorgen, dass weltweit Millionen Bäume gepflanzt würden … und diesen Entschluss nicht nur in einer fulminanten Rede begründete sondern das Vorhaben in den folgenden Jahren auch erfolgreich verwirklichte*, war ich nicht nur begeistert. Sondern auch irgendwie neidig. Ich bin seit meiner Jugend ein eigensinniger Baumfreund. Und Bäumepflanzen gehört zu meiner Lebensphilosophie. Der Junge aus Deutschland war eindeutig mein besseres – weil effizienteres – Alter Ego.

Bäume des Südens. Meine Kontakte mit Bäumen haben sich intensiviert, seit ich viel Zeit in einem einsamen Tal im Hinterland von Málaga, Südspanien verbringe. Meine Baumerfahrungen sind mediterran gefärbt. Bäume sind für mich vor allem Wesen, die ihre Arme im harten Licht des Südens ausbreiten: Schattenspender. Meister des Umgangs mit der kostbaren Ressource Wasser. Erst seit wenigen Jahren ist mir klar geworden, dass das größte Verdienst meiner stämmigen Compañeros in ihrer Bedeutung für das große Ganze liegt. Meine Compañeros sind Helden der Klimapolitik. Meister des CO2-Handlings, weil sie dieses Treibhausgas freundlicher- beziehungsweise nützlicherweise der Luft entziehen und in ihren Blättern, Ästen, Stämmen und Wurzeln festhalten. Oder so ähnlich.

Die Sache mit dem CO2. Ich bin kein Botaniker. Aber Baumfreund mit Interesse für ökologische Zusammenhänge. Als solcher lese ich mich ein: Fachlich fundierte Studien** bieten mir eine Faustformel an, die besagt, dass ein Hektar Wald pro Jahr sechs Tonnen CO2 bindet. Das wären je nach Standort und Bepflanzung zwischen 10 und 25 Kilogramm pro Jahr und Baum. Bäume im Süden – mit Ausnahme der tropischen Primärwälder, versteht sich (die stehen uneinholbar an der Spitze) – binden weniger CO2 (zwischen 10 und 15 Kilogramm), ihre nördlichen Verwandten mehr.***

Ein aufgeforstetes Tal. Wer unser stilles Tal im andalusischen Hinterland besucht, kann, wenn er denn möchte, stundenlang unter Bäumen wandeln oder friedlich in ihrem Schatten schlummern. Das war nicht immer so. Vom heutigen Baumbestand (die Anzahl der Bäume bewegt sich im hohen vierstelligen Bereich) wurden drei Viertel von uns gepflanzt. Ursprünglich entsprach der Bewuchs der typischen offenen mediterranen Landschaft (Macchia, Maquis, Monte bajo), wie man sie vom Sommerurlaub kennt: vereinzelte alte Bäume – vor allem Steineichen und Oliven –, dazwischen Grasland und Hartlaubgehölze wie Ginster, Lorbeer, Erdbeerbaum und Oleander. Diese Landschaft gibt es noch immer. Aber sie hat jetzt neue Nachbarn – die Bäume unseres eigens aufgeforsteten subtropischen Parks.

Suptropische Parklandschaft auf der Finca Los Gamos © G.Liedl

Tue Gutes und rede darüber. Der Baumliebhaber rechnet zusammen … Eine tropisch-subtropische Parklandschaft mit Palmenhain; Olivenhaine und Zitruspflanzungen und von Mandelbäumen bestandene Abhänge; neu aufgeforstete Föhren- und Zypressenwäldchen; alte Steineichen und Ölbäume zwischen Hartlaubgewächsen; ein von Bäumen gesäumtes Bachbett … das ergibt eine ordentliche Bilanz. Selbst wenn wir die geringere CO2-Absorptionskraft der mediterranen Bäume in Rechnung stellen (weil sie nicht so groß werden; weil sie langsamer wachsen), so haben sie doch den unbestreitbaren Vorteil gegenüber ihren nördlichen Brüdern und Schwestern, immergrün zu sein, also ganzjährig assimilieren zu können. Dementsprechend zufrieden stellend fällt das Ergebnis aus.

Rund 90 Tonnen CO2 bindet unser stilles Tal Jahr für Jahr, was selbst dann, wenn wir pro Jahr durchschnittlich fünf Flüge aus unserer nördlichen in die südliche Heimat in Rechnung stellen, einen stattlichen Überschuss zu unseren Gunsten ergibt (84 Tonnen).  

Ganz abgesehen von den anderen Assets der grünen Compañeros – beschattete Böden und ein verbessertes Mikroklima; Bewahrung der Bodenfeuchtigkeit und weniger Erosion; unten mehr Humusbildung, oben mehr Insektenleben und ergo dessen zahlreiche Vögel in großer Artenvielfalt.

Das mit dem Bäumepflanzen war vielleicht doch nicht die dümmste Idee meines Lebens.****

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*Anmerkung: Der Schüler Felix Finkbeiner hatte 2007 mit neun Jahren die Umweltschutzorganisation „Plant-for-the-Planet“ gegründet. Nach Jahren des Reisens durch die ganze Welt, nach Begegnungen mit Entscheidungsträgern wie zum Beispiel dem früheren amerikanischen Vizepräsidenten und Klimaaktivisten Al Gore, vor allem aber weil es ihm gelang, Millionen Jugendliche zu mobilisieren, sind bis heute überall auf unserem Planeten Hunderte Millionen von Bäumen neu gepflanzt, gepflegt und großgezogen worden. Und wie er selbst sagt: solange er lebe, werde er dafür sorgen, dass diese gigantische Aufforstungsmaschine, in Betrieb genommen und gesteuert von Kinderhänden, nicht zum Stillstand komme.

Fakten und Daten: Felix Finkbeiner ist der Sohn des Unternehmers und Club of Rome-Mitglieds Frithjof Finkbeiner und der Textilingenieurin Karolin Finkbeiner. 2006 bis 2015 besuchte er die Munich International School in Starnberg, 2018 schloss er sein Studium im Fach Internationale Beziehungen mit einem Bachelor an der Universität London ab. Seit 2018 Studium an der ETH Zürich (Department für Umweltwissenschaften). Die von ihm gegründete Organisation „Plant-for-the-Planet“ mit 130 Mitarbeitern und 70.000 Mitgliedern in 67 Ländern ( Stand 2017) hatte nach 10 Jahren ihres Bestehens bereits über 1.200 Ausbildungsworkshops organisiert. Kritik an dieser Organisation, etwa wegen Intransparenz und geschönter Erfolgsstatistiken, hat ihr Gründer stets vehement zurückgewiesen.  (Dazu: Plant for the Planet)

** Link: Waldwissen

*** Link: Bäume im Klimawandel

**** Monica Tomaschek: Eine Finca in Andalusien. Der lange Weg zum Garten Eden. MyMorawa: Wien 2022

Siehe auch BLOG # 12 vom 5. Dezember 2022: „Postscriptum zu Sharm el-Sheikh“

Dass von den etwa 8,7 Millionen Arten, die nach mehr oder weniger plausibel untermauerten Schätzungen den Blauen Planeten bewohnen, rund eine Million in den nächsten Jahrzehnten aussterben könnten, wenn Homo sapiens so weiter macht wie bisher, wissen wir schon lange. Dass diese wichtige Erkenntnis jetzt auch auf der Welt-Umweltkonferenz in Montréal die Runde macht, ist daher per se nicht schlecht und könnte uns gefallen. Leider ist hier der Konjunktiv angezeigt. Denn sieht man sich die in Montréal vorgeschlagenen Maßnahmen an, muss man schon sehr dickfellig sein, um nicht daran zu verzweifeln. Schwer vorstellbar, dass den bedrohten Arten damit tatsächlich effektiv unter die Arme gegriffen wäre (Konjunktiv). Selbst im wenig wahrscheinlichen Fall, dass diese Maßnahmen wirksam umgesetzt würden (abermals Konjunktiv).    

Was könnte helfen? Folgende Ursachen für das Artensterben werden genannt: Verlust von Lebensraum; Veränderungen in der Landnutzung; Jagd und Wilderei (warum beides in einem Atemzug genannt wird, ist zwar nicht ganz einsichtig, klingt aber gut); last not least werden auch Neobiota, nicht einheimische Tiere und Pflanzen als Ursachen für Artenschwund aufs Tapet gebracht.

Aus dem Maßnahmenpaket, das geeignet sein soll, Abhilfe zu schaffen, ragen einige Vorschläge heraus.

Wer sind die Armen? Das Hauptargument der Befürworter eines Biodiversitätsfonds – „Die Zerstörung, Übernutzung und Ausbeutung natürlicher Ressourcen ist geboren aus der Not armer Bevölkerungen“ – wird bis zum Abwinken wiederholt. Schuld sind also die Armen. Also nicht die Großgrundbesitzer mit ihrem unstillbaren Hunger nach immer ausgedehnteren neuen Flächen, sobald sie die alten ausgesaugt und ausgelaugt haben. Und auch nicht die Holzhändler und Prospektoren. Die Bergbau- und Öl-Lobbyisten. Nein. Schuld am brennenden Regenwald sind die gierigen Kleinbauern. Die im übrigen für eine moderne Agrarwirtschaft zu dumm sind.

Und ‚Naturschützer‘ nach Art des Hauses stoßen ins gleiche Horn: „Die armen Landlosen … die herzlosen Ökologen … die asozialen Regenwaldschützer … Jaguare sind ihnen wichtiger als der Mensch …“ Ohne zu registrieren, dass sie damit exakt das unterschwellige Narrativ der Agrarier, Landentwickler, Fortschritts-Verkünder (inklusive Handlanger aus Verwaltung und Politik) wiederholen. Diese Agenten eines sozial maskierten Fortschrittsdiskurses aber werden besagten Biodiversitätsfonds verwalten. Wie war das nochmal mit dem Bock als Gärtner?

Es geht um effektiven Schutz. Wovor sich die in Montréal Versammelten schon wieder drücken, ist die Beantwortung der simplen Frage: Wie schützt man Natur? Abermals wird die Frage verschoben und auf die beliebte, weil harmlose Ebene der Kompensationen gehievt. Anders gesagt – der reale Krieg gegen den Blauen Planeten wird geleugnet, die Machtfrage nicht gestellt. Statt dessen ‚lindert‘ man die Kriegsfolgen …

Wenn ich „Machtfrage“ sage, meine ich natürlich die Eigentumsfrage. Wir sind wieder bei Adam Smith. Bei den Nationalökonomen und ihrer Missachtung der Allmende. Nein, sagt die moderne Ökonomie. Güter, die ‚allen‘ gehören, lassen sich nicht schützen. Solche Güter müssen daher in die Obhut Einzelner übergehen. Die unsichtbare Hand des Marktes macht‘s wieder gut.

Nachtrag und Fazit. Auf der Ebene der Nationen ändert sich durch Verträge, die bloß die Kosten der Naturzerstörung ‚gerecht‘ auf alle verteilen, nichts an den Ursachen des allgemeinen Raubbaus. Nur wenn den Nationen und jenen, die sich hinter dem Begriff verstecken, die alleinige Verfügungsgewalt über Tiere, Pflanzen, Flüsse, Berge, über den Boden, die Landschaften, Naturgegenstände und Naturphänomene aller Art entzogen würde, könnte sich auch die Frage des Schutzes neu stellen und, wer weiß, sogar effektiv lösen lassen. Könnte. Konjunktive, wohin man blickt.

P.S. Wie man Geld im Sinne der Natur gut anlegt, sprich jene belohnt, die tatsächlich Natur-Schutz betreiben, hat zuletzt die Verleihung des Energy Globe Awards (am 30. November in Wien) gezeigt.

Die 1999 vom oberösterreichischen Energie-Vorreiter Wolfgang Neumann gestiftete Auszeichnung erhielten diesmal – eingereicht waren 30.000 Projekte aus 183 Ländern – Agrarpioniere aus Indien (Bodenverbesserung im Reisanbau mit Hilfe von Enzymen); innovative Stromversorger aus Ruanda (Stichwort: Green energy); Menschen aus Brasiliens Öko-Szene (für ein spezielles Rycycling-Programm samt Trinkwasserbereitung); sowie eine Gruppe Techniker aus China, der eine Wiederverwendungsmethode für Kohlenstoffemissionen aus landwirtschaftlichen und industriellen Prozessen gelang.

In der Kategorie ‚Jugend‘ wurden Menschen aus Australien geehrt, die in mittlerweile 129 Ländern Jugendliche in Umweltfragen ausbilden. Einen Sonderpreis teilten sich elf Projekte für klimafreundliches Kochen. Allesamt Best Practice-Beispiele für Umweltschutz durch und für die Zivilgesellschaft.

„Besser geht’s nicht …“ - - - Stimmt. Besonders im Vergleich mit Montréal.

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Die Reihe zum Blog: Ökologiegeschichte. Ein Reader zum interdisziplinären Gebrauch

Bisher bei Turia + Kant erschienen:

Band 1 – Gottfried Liedl: Das Anthropozoikum

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Erweiterte Neuauflage von Band 1 (Teilbände 1.1., 1.2., 1.3.):

Gottfried Liedl: Das Zeitalter des Menschen

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Teilband 2/1 – Gottfried Liedl, Manfred Rosenberger (Hg.): Zivilisationen

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Teilband 2/2 – Gottfried Liedl, Manfred Rosenberger (Hg.): Naturdinge, Kulturtechniken

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In seinem Gastkommentar (KURIER vom 10. Dezember 2022, Seite 24) verwendet der Unternehmensberater Klaus Atzwanger den harschen Begriff „Ökodiktatur“. Das Wort springt ins Auge. Und weil es von einem Unternehmensberater stammt, denkt der Leser, der sich mit Vorurteilen auszukennen meint, natürlich sofort: ‚Wieder so ein Wirtschaftsfuzzi, der uns vorrechnet, was Umweltschutz die Gesellschaft | die Wirtschaft | den Staat (Zutreffendes ankreuzen) kostet‘.

Wie man sich irren kann. Nach Dafürhalten des Kommentators  „… ist es wesentlich, sich zu vergegenwärtigen, wie kurz wir vor einer sogenannten Ökodiktatur stehen. Und diese Ökodiktatur wird nicht dadurch entstehen, dass radikal grüne und ökologisch orientierte Regierungen Maßnahmen setzen, … wie Leugner der Klimakrise gerne behaupten, sondern eine Ökodiktatur wird von der Umwelt selbst erzwungen, indem uns Wetterkatastrophen und andere ökologische Katastrophen wie zum Beispiel Nahrungsmittelausfälle aufgrund gekippter Artenvielfalt vor radikale Beeinträchtigungen unserer Lebensgrundlage stellen werden.“ Ein ebenso unverhoffter wie kluger Zuruf aus einer Ecke, aus der man (= der Freund, die Freundin einer gesunden, artenreichen Umwelt) es nicht erwartet hätte. Jedoch, jedoch. Entsprechende Erwartungen respektive Befürchtungen werden leider erfüllt, wenn man sich von der Privatmeinung auf die Ebene der Politik begibt.

Umweltschutz nach Art des Hauses. Auch wenn er ‚nur‘ ein Beispiel ist, eine Momentaufnahme, spricht er doch Bände. Gemeint ist der Budgetbericht der Niederösterreichischen Landesregierung für das Jahr 2023.* Der Vergleich macht uns sicher …

Für Umweltschutz sind Aufwendungen von in Summe 41.733.000 Euro vorgesehen. Ist das viel oder wenig? Die Antwort findet sich unter der Rubrik Straßen- und Wasserbau, Verkehr, man liest und staunt über die stolze Summe: 698.521.200 Euro.

Übersetzt man sich das Ganze in die Sprache des Gesunden Menschenverstandes, so lautet das Fazit: Für den (Nieder)Österreichischen Volkssport Bodenversiegelung macht die Öffentliche Hand sage und schreibe siebzehn mal mehr Steuergeld locker als für das, was von besagtem Volkssport betroffen, um nicht zu sagen bedroht ist – die Natur, der Boden, die Artenvielfalt. Oder anders herum: das größte Bundesland der vorgeblichen Öko-Musterrepublik schämt sich nicht, an Aufwendungen für das Stiefkind Natur gerade einmal 6 Prozent dessen vorzusehen, was es für ihr Lieblingskind alias heimliches Umweltideal, die zubetonierte Landschaft bereitstellt.

Aber tun wir nicht so, als wären wir überrascht.

Vom Land der Kreisverkehre, Autobahnzubringer, Einkaufszentren und Häuselbauer war nichts Anderes zu erwarten.**

P.S. Damit nicht nur schwarz gemalt werde, hier noch ein kleines Highlight aus der Welt der Wissenschaft. Seltene Erden, so unverzichtbar im postindustriellen Zeitalter (Industrielle Revolution 2.0.), machen die Welt bekanntlich nicht automatisch zu einem besseren Ort. Im Gegenteil. Die dabei entstehende Abhängigkeit von allerlei Lieferanten mit zweifelhaftem Ruf –  Hotspots der Menschenrechtsverletzung wie China lassen grüßen – wird noch getoppt durch die enorm umweltschädlichen Verfahren, die bei der Förderung dieser Rohstoffe zum Einsatz kommen.* Zwei Meldungen aus der Fachwelt lassen jetzt aufhorchen. Positive Meldungen, wohlgemerkt.

Erstens eine neue, weniger umweltschädliche Fördermethode. Entwickelt wurde das Verfahren, welches den Säureeinsatz beim Schürfprozess reduzieren hilft, ausgerechnet in China. Die Welt ist voller Grautöne und Übergänge. Der zweite diesbezügliche Silberstreif am Horizont erschien im kleinen Österreich. Experten der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) entwickelten zusammen mit Kollegen aus Cambridge und Mailand eine Methode zur künstlichen Herstellung von Neodym, einer jener Seltenen Erden, deren Förderung besonders umweltschädlich ist. Das im Labor produzierte Eisen-Nickel-Gemisch Namens Tetrataenit besitzt ähnliche Eigenschaften und bietet vergleichbare Anwendungsmöglichkeiten wie Neodym – mit bedeutend kleinerem ökologischen Fußabdruck. Wer sagt’s denn. Nicht alles muss schiefgehen auf unserem Blindflug ins postindustrielle Zeitalter. Manche Löcher stopft die Wissenschaft ganz ohne dass sie dafür neue aufreißen muss.

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* Links: NÖ Budget 2023; Seltene Erden

** Link, Nachtrag und Anmerkung zum Weltmeister Österreich im Bodenverbrauch - diesmal ein Beispiel aus Wien (Verbauung des Donaufeldes im 21. Bezirk): Download

Symbolpolitik ist sicher der beliebteste Sport unserer Zeit. Konferenztourismus (das wissen wir in Wien sehr gut) ist eine Cash Cow, die – wir bleiben beim gewählten Bild – dem Sport nur wenig nachsteht. Und Umweltfragen sind für Konferenztourismus perfekt geeignet.

Zur Zeit geht in Montréal, Kanada, die Konferenz zum Schutz der Biodiversität über die Bühne. Übrigens die fünfzehnte ihrer Art. Und weil es ja um herzeigbare Ergebnisse geht – schön gesetzte Zeichen und Symbole im Abschluss-Communiqué –, hat man als nette Deadline das halbwegs ferne, aber nicht allzu ferne Jahr 2050 ausgewählt. Bis dahin soll die Welt „im Einklang mit der Natur leben“ (wer denkt sich solchen Schwachsinn eigentlich aus? Man mag nicht glauben, dass es die Politiker selbst sind; eher möchte man davon ausgehen, dass hier das beliebte Subunternehmer-Prinzip bedient und eine lokale Fremdenverkehrs-Agentur mit der Ausformulierung betraut wurde).

Die Welt, wie sie ist. Als „Zwillingskrise“ der Klimaerwärmung wird das Artensterben gern bezeichnet. Oder als das sechste Massensterben der Erdgeschichte. Oder als unvermeidliche Auswirkung des Anthropozäns (Anthropozoikums), des „Erdzeitalters des Menschen“. Während der letzen 50 Jahre sind drei Viertel der Landfläche des Planeten derart stark verändert worden, dass bis zu einer Million Tier- und Pflanzenarten akut vom Aussterben bedroht sind. So steht es jedenfalls in dem Bericht, den 150 Wissenschaftler aus 50 Ländern, unterstützt von weiteren 310 Experten als Zusammenfassung von rund 15.000 Einzelstudien für das IPBES (die Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) herausgegeben haben.    

Augenscheinlich haben die seit 30 Jahren laufenden Bestrebungen von UN-Institutionen, das Artensterben zu bremsen, wenig genützt.

Aber jetzt wird alles anders. In Montréal begnügt man sich keinesfalls mit der maximalen Deadline 2050. Vielmehr fügt man einen ‚realistischen‘ Zwischenstopp ein: 2030. In diesem Jahr sollen 30 Prozent der Land- und Wasserflächen des Planeten unter Schutz gestellt sein. 30 Prozent klingt gut. Und passt auch irgendwie in die Zahlenspielerei (30 Prozent – 2030). Nach so vielen Fehlschlägen sagt man sich wahrscheinlich: „Warum nicht mal ein wenig Zahlenmagie, damit endlich was weitergeht?“

Im Ernst. 30 Prozent klingt doch gut. In Österreich – dem Weltmeister im Bodenversiegeln – sind derzeit etwa 15 Prozent des Landes Schutzgebiete (zum Beispiel Natura 2000). Ich persönlich halte es daher für konsequent, dass die Alpenrepublik dann lieber gleich auf Event- und Tagungstourismus setzt. Wir waren schon immer dem Zeitgeist eine Nasenspitze voraus. Der EU-Schnitt an geschützten Gebieten beträgt übrigens 19 Prozent.

Alles Roger in Cambodscha? Der Zeitungsbericht nimmt das Ergebnis von Montréal messerscharf vorweg: „Die Vorzeichen … sind durchwachsen: Schon im Vorfeld wurde von gewissen Spannungen, vor allem politisch-diplomatischer Natur, … berichtet“ (KURIER vom 5. Dezember 2022, Seite 6). Gern hätte man die Hoffnung nicht ganz aufgegeben. Gern glaubte man an die schönen Versprechen, die mit Sicherheit wieder abgegeben werden. Versprechen? Wirklich? Dass die Konferenz unter dem Vorsitz Chinas stattfindet, klingt eher wie eine Drohung.

„Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute“ (Brüder Grimm). Keine Frage. Ein solches international herzeigbares And they all lived happily ever after haben wir von Montréal mit Sicherheit zu erwarten. Als Grundstein für die nächste konferenztouristische success story. Blöd nur, dass wenn das Märchenbuch zugeklappt ist und sich die Staubwolke, die dabei aus den vergilbten Seiten aufsteigt, verzogen hat, die Welt haargenau die selbe sein wird.

P.S. Im Geschäftsjahr 2020-21 betrug der Umsatz der hundert größten Rüstungskonzerne 560 Milliarden Euro. Ebenfalls sehen lassen kann sich der Schaden, den die großen Umwelträuber, Wilderer, Tier- und Pflanzenschmuggler anrichten. Er beträgt nach soliden Schätzungen jährlich bis zu 20 Milliarden Euro; der ‚Geschäftszweig‘, dem sich dieser Schaden verdankt, ist nach Drogenhandel, Produktpiraterie und Menschenhandel der viertgrößte seiner Art.  

Sie meinen, solcher Umwelt-Zynismus sei im zivilisierten Mitteleuropa undenkbar? Das vorgebliche Musterland Deutschland (die Naturschutzbewegung dort ist nach der englischen die zweitälteste in Europa), zeigt, dass dem nicht so ist. Erst wird ein Jungbulle der sowohl nach internationaler als auch EU-Gesetzgebung beziehungsweise im Deutschen Naturschutzgesetz streng geschützten Wisente (Bison bonasus, laut Roter Liste eine „potenziell gefährdete“ Tierart) einfach abgeschossen – der illegale Abschuss (im Grenzgebiet zu Polen) blieb ohne Konsequenzen. Dann setzte ein Gericht in Nordrhein-Westfalen noch eins drauf: Nach zehn Jahren Widerstand lokaler Grundbesitzer musste das Projekt zum Schutz frei lebender Wisente dort eingestellt werden – den Agrariern war die Handvoll Tiere (gerade einmal 20 Stück) ein unerträgliches Ärgernis. Und das, obwohl sie üppig entschädigt wurden und die Bevölkerung „den Tieren Unterstützung und Wohlwollen entgegen brachte“ (Heike Holdinghausen: Der Kampf um den Artenschutz: Die Wildnis als Störfall?)* Selbstverständlich fordert jetzt in Montréal die Bundesrepublik Deutschland mit hochmoralischer Geste genau dieses Wohlwollen gegenüber der Umwelt ein … nein, nicht von deutschen Großagrariern, sondern von Afrikanern, Indern und Chinesen.    

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* Link: Der Wisent-Skandal

Hier, im zweiten Teil meiner Überlegungen zu den Lehren, die wir aus Sharm el-Sheikh ziehen müssen, werde ich mich mit der ambivalenten Bedeutung sogenannt ‚westlicher‘ Errungenschaften befassen; also mit Fortschritt, Aufklärung und Wissenschaft. Und warum hier auf Staaten und die internationale Staatengemeinschaft so gar kein Verlass ist. Und man daher auf die vielzitierte, aber auch viel geschmähte Zivilgesellschaft setzen muss.

Zivilgesellschaft und ‚westliche‘ Errungenschaften. Alle gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Kreisläufe beginnen und enden mit der Landwirtschaft, das wussten bereits die Physiokraten des 18. Jahrhunderts,** die ‚la terre‘ oder ‚terroir‘, dem Mutterboden, eine Schlüsselrolle im Gemeinwesen attestierten und ‚laboureur‘, den Landarbeiter, nein: den (im besten Sinn des Wortes) Agrarier an die symbolische Spitze besagten Gemeinwesens setzten.

Freilich war und ist Landwirtschaft nach Art des Hauses – im Sinne der Aufklärung – ambivalent: Vom Wert des Bodens theoretisch reden ist das Eine;  ihn zugleich praktisch im Rausch des Fortschritts zu misshandeln, das Andere. Investitions-gesteuerte Landwirtschaft – big business, Agroindustrie – trifft auf Philosophie; praktische Antworten auf die Bedrohung des Bodens geben widerständige ‚laboureurs‘ vulgo Kleinlandwirte weltweit, aber mit Wirksamkeit auf lokaler Ebene, unter teils renaissancistischen, teils visionären Vorzeichen. Ihr Arsenal reicht von Bodengenossenschaft („Ackerland in Bürgerhand“) bis Permakultur. Um bloß zwei Beispiele zu nennen.**

Auch Naturschutz war und ist im ‚Westen‘ stets ambivalent. Den Anfang machte die sogenannte ‚Agrarrevolution des Mittelalters‘ mit ihrer großflächigen Verwüstung und Zerstörung der europäischen Wälder, auf die der jeweilige Landesherr mit einer nicht weniger rigiden Forstpolitik antwortete, nach der Devise: In meinem Wald und unter meinen Hirschen hat der Untertan nichts verloren. Diese Linie lässt sich verlängern bis zu den ‚Bisongesellschaften‘ der USA am Ende des 19. Jahrhunderts und zur ‚Weltherde‘ der Oryx-Antilopen (ein Zuchtprogramm zur Arterhaltung)** in den 60-er und 70-er Jahren des 20. Jahrhunderts, nur jetzt mit genau umgekehrten Vorzeichen. Wäre Oryx leucoryx (die Weiße oder Arabische Oryx) auf die internationale Staatengemeinschaft und deren Verträge angewiesen gewesen, diese Weltherde wäre nie zustande gekommen und Oryx leucoryx könnte man heute allenfalls als verstaubte Stopfpräparate in Naturkundemuseen bestaunen. Ebenfalls ein Resultat zivilgesellschaftlicher Selbstermächtigung sind die famosen Buffalo Commons (‚Büffel-Allmenden‘)** im Westen der USA (vgl. Liedl: Das Zeitalter des Menschen, Seite 310 ff.).*

Ambivalent aber genauso wichtig: ‚Exotics‘ auf Texanischen Jagdfarmen. Heute grasen in Texas mehr Oryx-, Säbel- und Mendesantilopen, Damagazellen und Hirschziegenantilopen (‚Blackbuck‘) als in deren ursprünglichen Verbreitungsgebieten.

Afrika in Texas: Säbelantilopen © Lucky 7 Exotics (Homepage)**

Andererseits … Das Beispiel der Buschfeuer und wie man sie permanent nicht verhindert, stellt der Zivilgesellschaft und sogar, wie man gleich sehen wird, den Naturschützern kein gutes Zeugnis aus (den Naturschutzbehörden ohnehin nicht). Waldbrände in Spaniens Süden, meiner zweiten Heimat, wüteten 2022 beinahe ungehindert. Wochenlang wurde man ihrer nicht Herr, nicht zuletzt aufgrund einer verfehlten Umweltschutzpolitik: Man hatte die traditionelle Weidenutzung – eine klassische Allmende – weitgehend untersagt, was zu unkontrollierter Verbuschung des Waldbodens führte, der dann wie Zunder brannte und den vorgeblich so perfekt geschützten Wald ins Verderben riss. Ökofundamentalismus vom Feinsten? Könnte man sagen, wenn man Zyniker wäre und zu Dystopien neigte. Aber ein Fressen für rechtsgerichtete Medien war es allemal.**

Community of Investigators, Gelehrtenrepublik. Keine Frage. Klar sehen wir die Ambivalenz von Aufklärung und Wissenschaftlichkeit: Agro-Business, Ausbeutung der Ressourcen, Verschwendung und Klimakriminalität, falsche Heilsversprechungen à la „We feed the world“ auf der einen Seite; auf der anderen Seite führen Urbanität, Globalisierung des Wissens – mit der Chance, dass sich nicht nur das Big Business vernetzt sondern auch der Naturschutz –, Community of Investigators, Renaissance der Kant’schen Gelehrtenrepublik („Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“) zum Begriff der Verantwortung. Anders gesagt, zu Mut und Resilienz. Den Krieg um die Ressourcen hat man der Zivilgesellschaft aufgezwungen. Im Kampf um das Wohl von Mensch und Natur herrscht keine Wahlfreiheit.

Der Krieg hat längst begonnen. „Der Naturschützer und Freund der Allmende wird … erkennen, dass es ihm nicht frei steht, Krieg zu führen oder nicht, weil dieser Krieg (gegen ihn und Seinesgleichen und alles, was ihm lieb und wert ist) von Naturverwüstern und Menschenverächtern längst geführt wird“ (Das Zeitalter des Menschen, Seite 235).

Der Brasilianer Chico Mendes kämpfte für die Allmende, als die er den Regenwald erkannte. Sein Programm: Naturschutz durch Menschen, die aus diesem Schutz einen Nutzen ziehen. Die Autochthonen des Regenwaldes könnten, so Chico Mendes‘ Schlussfolgerung, mit ihren traditionellen wie zukunftsträchtigen Methoden selbst am besten dafür sorgen, dass der Schauplatz ihrer Wirtschafts- und Lebensweise, der Wald, dem ideellen Gesamteigentümer, der Menschheit, erhalten bliebe. Dafür wurde er vom Großgrundbesitzer Darcy Alves de Silva am 22. Dezember 1988 erschossen.**

P.S. „Vom Wutbürger zum Mutbürger.“ Chico Mendes kämpfte gegen zynische Vernichter und Zerstörer. Wie die Indigenen Amazoniens. Wie alle, die Wälder aufforsten, statt sie zu fällen. Natur ist der öffentlichste Raum, der sich denken lässt. Den versuchen tapfere Iranische Frauen, Mädchen, Jugendliche und Kinder zurück zu erobern. Den Mädchen und Frauen Afghanistans, die ihn bereits besaßen, wurde er wieder genommen. Ihnen hat die Obrigkeit sogar den Besuch von Parks untersagt.

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* Literatur: Gottfried Liedl: Das Zeitalter des Menschen. Eine Ökologiegeschichte. Turia + Kant: Wien – Berlin 2022

* Ausstellung: Die sechste Auslöschung. Kritische Tierbilder von Walter Wegger

Download 1

Download 2

** Links: Physiokraten; Bodengenossenschaft; Humusakademie; Permakultur; Weltherde; Buffalo Commons; Lucky 7 Exotics; Brände im Süden 1; Brände im Süden 2; Brände im Süden 3; Brände im Süden 4; Chico Mendes

Das Nicht-Ergebnis der Climate Change Confernce (November 2022) in Sharm el-Sheikh (Sharm ash-Shaikh), die 27. derartige Veranstaltung in Serie, konnte niemanden überraschen. Der menschgemachte Klimawandel wird in seiner denkmöglich krassesten Form kommen, dafür sorgt verlässlich die Politik mit ihren an kurzfristigem Machterhalt orientierten Scheinlösungen. Wobei – nicht einmal das mit den Scheinlösungen stimmt noch; ein sich von Mal zu Mal immer ungenierter äußernder Zynismus (Marke Trump, Marke Bolsonaro, Marke Xi Jinping … und dergleichen Markeninhaber werden immer mehr) sagt der – vielleicht ebenfalls nur vordergründig besorgten – Weltöffentlichkeit das Götzzitat.

Warum es so ist, wie es ist. Eigentlich sollte das den denkenden Beobachter, die gebildete Beobachterin nicht überraschen. Zumindest dann nicht, wenn sie mit historischer Expertise ausgestattet sind. Seit sich Homo sapiens aus einem Naturwesen (‚Natur in mir‘) zu einem Kulturwesen (‚Natur um mich herum‘) entwickelt hat und genau so rasch, wie er diesen Prozess bis hin zu dessen globaler Allgemeingültigkeit durchlief, verstärkt sich innerhalb der Spezies auch ein evolutionärer Prozess: Individuen mit Hang zu effizienter und immer effizienterer Aneignung aller möglichen Ressourcen genießen in den aufgeblähten Stammesgesellschaften namens Zivilisation oder Kultur, Nation oder Volk, manchmal euphemistisch sogar Menschheit genannt, gegenüber anderen, nachdenklicheren oder rücksichtsvolleren Varianten einen mächtigen Selektionsvorteil.

Wenn man diese Erkenntnis auf den Gang der Weltgeschichte umlegt, sieht man jene Regionen im Vormarsch – allen voran die zuerst Europa, später ‚der Westen‘ genannte –, die sich einer expansiven (‚schneller, höher, weiter‘) und exhaustiven (erschöpfenden) Aneignung von Naturgegenständen (nach dem Modell des Bergbaus, der Extraktion sogenannter Bodenschätze) verschrieben hatten. Nennt man diesen Prozess bei seinem eigentlichen Namen, heißt er auf gut Deutsch AUSBEUTUNG.

Die Lebensmittel – Mittel zum Leben – werden produziert, also wörtlich: ‚hervorgezogen‘, wie Edelmetalle, die man aus dem Erdreich buddelt. Lässt sich nichts mehr ‚hervorziehen‘, zieht der Heuschreckenschwarm weiter. Krisen kompromittieren die Anführer der Horde weniger als man annehmen möchte; vielmehr scheinen sie deren Macht und Autorität zu stärken. Für die Mächtigen waren Krisenzeiten meist gute Zeiten, Ausnahmen (Französische Revolution ff.) bestätigen die Regel.

Einwand: „Andere, vom ‚Westen‘ überwundene, das heißt vernichtete Gesellschaften redeten, wenn‘s um den Lebensunterhalt ging, nicht vom Produzieren sondern vom Empfangen gewisser Gaben der Natur.“ Antwort des Historikers: „Tempi passati.“ Der menschgemachte Klimawandel ist also da und wird auch nicht verschwinden, Punkt.

Mensch, Tier, Pflanze, Boden, Wasser, Luft werden damit zurecht kommen müssen.

Wir, die Menschheit (zugegeben, das klingt pathetisch; wer einen besseren Begriff hat, möge ihn mir sagen, bis dahin bleibe ich bei ‚Menschheit‘), sind die vielen rechtmäßigen ‚Eigentümer‘ (in Anführungszeichen, da wir bloß Nutzungsberechtigte sind) jener WELT-ALLMENDEN, in denen sich Mensch, Pflanze, Boden, Wasser, Luft dem Zugriff einer gierigen in-Wert-Setzungs-Gang ausgeliefert sehen. Die Verantwortung für diese ‚unsere‘ Allmenden sollte daher bei uns liegen.

Frage: Wenn alles kommt, wie es kommen muss – können wir (bei immer widrigeren politschen Bedingungen) für Resilienz, für Widerstandsfähigkeit gegenüber Allmende-Räubern und (bei erschwerten Umweltbedingungen) für Klimafitness dieser Welt-Allmenden sorgen?     

Kein gutes Jahr für Welt-Allmenden. 2022 war für Menschen, Tiere, Pflanzen, Boden, Wasser, Luft … schlicht katastrophal. Nachdem Corona schon dazu geführt hatte, dass im Windschatten dieser Pandemie Allmende-Aneignungs-und Ausbeutungs-Experten, Großagrarier und die mit ihnen verbündeten Politiker eine ungenierte Wald-, Wasser- und Boden-‚Nutzung‘ (Brasilian Style) betreiben konnten, führten Ukraine-Krieg und Inflation zu weiterer Abkehr von jeder auch nur halbwegs ambitionierten Klimapolitik. Energieträger wie Kohle, Erdöl, Gas, Atomkraft haben derzeit wieder Konjunktur – ihr ‚pfui‘-Image konnten sie jedenfalls ordentlich aufpolieren. Dagegen steht nur die gelinde Hoffnung, die allgemeine Preisexplosion werde dazu führen, dass mit diesen schmutzigen Agenten einer sogenannten Versorgungssicherheit eher sparsam umgegangen werde und man sie sozusagen nur mit spitzen Fingern angreift. Auch dass US-Präsident Joe Biden und seine Demokraten gerade noch rechtzeitig vor den Midterm elections ihr ambitioniertes Energie-, Nachhaltigkeits- und Umweltpaket auf den Weg gebracht haben, steht vielleicht auf der Habenseite (vgl. Bloomberg Green vom 11.11.2022: Biden’s touchdown). Unverbesserliche Öko-Optimisten orakeln angesichts des Preisanstiegs bei ‚schmutziger‘ Energie von einer Beschleunigung in Richtung Energie-Effizienz und sehen in nicht mehr allzuferner Zeit behutsamere, weniger verschwenderische Verhaltensmuster in den am meisten Energie-abhängigen Sektoren Industrie, Verkehr und Wohnen Einzug halten. Wer‘s glauben mag …

Die anderen, die Skeptiker nehmen 2022 anders wahr. Sie erinnern daran, dass dieses Jahr abermals – denn ja, es handelt sich um eine Serie, die offenbar keine Anstalten macht, abzureißen – ein Jahr der Überschwemmungen und Dürren war (Stichwort Pakistan, Süd- und Westeuropa), vor allem aber ein Jahr weltweiter Waldbrände riesigen Ausmaßes.

Waldbrände, Buschfeuer weltweit (Stand 23.7.2022)**

Was tun (für Menschen, Tiere, Pflanzen, Boden, Wasser, Luft)? „Das Thema ‚Allmende‘ ist ein durch und durch politisch-rechtliches. Wir gestatten uns daher ein Gedankenspiel mit der Zielvorstellung einer Rechtsordnung, in der es für global wichtige Ressourcen transnationale Eigentumstitel gibt, an denen alle Nationen nach einem sicherlich nicht ganz einfach zu erstellenden Aufteilungsschlüssel beteiligt sind. Garantieren und überwachen ließen sich diese Eigentumstitel mit einem Vertragswerk, das bei Verstößen automatische Sanktions- und Boykottmaßnahmen vorsähe, bis hin zu international exekutierbarem Schadensersatz. In rein nationaler Verfügungsgewalt stünde nicht mehr, wie das bisher Usus ist, das Eigentum an jenen global bedeutsamen Dingen, sondern lediglich deren Verwaltung: eine nationale Sachwalterschaft über internationale Allmenden unter internationaler Aufsicht.“ (Das Zeitalter des Menschen, Seite 318)*

Soweit die Utopie. Die Wirklichkeit, wie sie sich derzeit geriert – siehe oben (Sharm el-Sheikh) – stellt erstens für derlei Erweiterungen des Völkerrechts keine Anwälte zur Verfügung und bietet zweitens Null Chancen auf politische Durchsetzbarkeit; die Welt-Allmende bliebe also, selbst wenn ihre Implementierung gelänge, totes Recht.

Folglich muss, weil auf der obersten Ebene geschlampt wird, die unterste Ebene die Initiative ergreifen. Nicht wie im oben zitierten Buch als philosophierender Analytiker von der Großen Politik sondern als schon ein wenig desillusionierter Skeptiker, der es billiger gibt, spreche ich hier von der Zivilgesellschaft – von Regionen, Gemeinden, Nachbarschaften abwärts; ich spreche von tätig werdenden Berufs- und Interessensverbänden, von Bürgerinitiativen, kurz von jenen lokalen und kollegialen Zusammenschlüssen, die man sich nicht erst vorstellen muss, weil sie nämlich nachweislich real existieren. „Think globally, act locally“, eine nach allgemeiner Auffassung ziemlich gescheite Strategie.

Im zweiten Teil meiner Überlegungen zu den Lehren, die wir aus Sharm el-Sheikh ziehen müssen, werde ich mich unter anderem mit ‚westlichen‘ Errungenschaften und der Community of Investigators befassen … und was es bedeutet zu sagen: „Der Krieg hat längst begonnen“.

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* Literatur: Gottfried Liedl: Das Zeitalter des Menschen. Eine Ökologiegeschichte. Turia + Kant: Wien – Berlin 2022

**Link: Waldbrände